Dieses sagenumwobene Kleinod der Adepten besteht aus einem leuchtenden, überirdischen, rubinroten Karfunkelstein, das heßt aus einer lebendigen, hochroten, glühenden, unverbrennlichen Kohle, in deren Zentrum sich ein ewiges und unauslöschliches Feuer befindet. Der Stein der Weisen wird auch Pulvis rubens genannt, der wahre Cinnabaris der Weisen.

In Aqua vitae aufgelöst, wird er zur Tinctura rubra, die eine wahre Universal-Arznei ist, und daher auch Rotes Elixier genannt wird, in dem der wahre Metall-Same, das heißt der universale Same des Goldes, verborgen ist, und das somit ein Aurum potabile darstellt.

Was der Alkahest immer auflöst, kann durch ein Sandbad verflüchtigt werden, und wenn der Alkahest nach Verflüchtigung des Lösungsmittels daraus destilliert wird, bleibt der Körper als reines, geschmackloses Phlegma zurück, aber immer in Menge seinem ursprünglichen Subjekte gleich.

Der Alkahest zerstört dabei niemals die Samenkräfte der durch ihn aufgelösten Körper. So wird zum Beispiel durch ihn und seine Einwirkung Gold zu einem Goldsalz, Antimon zu einem Antimonsalz etc., mit denselben spermatischen Eigenschaften wie der ursprüngliche Körper.

Schüler: Ich muß offen sagen, daß diese Redeweise mir noch sehr dunkel und parabolisch erscheint.

Meister: Nun, so soll hier noch ein Fingerzeig gegeben werden, wie er bisher noch nirgends mitgeteilt worden ist.

Van Helmont nannte den Alkahest das höchste und wirksamste aller Salze, das, da es den obersten Grad der Einfachheit, Reinheit und Feinheit erreicht hat, sich allein der Fähigkeit erfreut, unverändert und unverletzt durch die Gegenstände zu bleiben, worauf es wirkt und die unempfindlichsten und widerspenstigsten Körper aufzulösen, wie Steine, Glas, Erde, Schwefel, Metalle, Edelsteine usw. in ein rotes Salz zu verwandeln, das an Gewicht dem aufgelösten Stoffe gleich ist, und das mit solcher Leichtigkeit, wie heißes Wasser Schnee schmelzt.

Etwas klarer wird die Sache, wenn man bedenkt, daß van Helmont ebenso wie Paracelsus das Wasser für das universale Instrument und Medium der Natur hielt und die Erde für die unveränderliche Grundlage aller Dinge. Das Feuer ist dabei das magische Agens, das der Erde die Sameneindrücke eingeprägt, während das Wasser alles hervorbringt und gebiert, weil es die Erde auflöst und zur Gebärung bringt mit Hilfe des Feuers, woraus dann das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich hervorgingen.

Diese universale Kraft des Wassers verstehen die Alchymisten nun gar wohl, denn das Große Charakteristikum des Alkahest besteht darin: alle sublunaren Körper aufzulösen und zu verändern - Wasser allein ausgenommen. Selbstverständlich ist damit das Wasser der Weisen gemeint, das die Finger nicht netzt, nicht etwa das H20 der Chemiker.

Doch es soll noch ein weiterer Wink den wahren Schülern und Söhnen der Weisheit gegeben werden. Durch den "Fall" Adams war die einst paradiesische Erde zu einer "Terra damnata" geworden, zu einer verdorrten Wüste am Rande eines toten Meeres, an dessen Ufern nur kümmerliche Dornen und Disteln im Staube stehen. Um nun diese trostlose Wüste wieder in einen blühenden und fruchtbaren Rosengarten zu verwandeln, bedarf es nur des geeigneten Pflanzensamens und des feuchten warmen Regens von oben. Genauso benötigt man zur Auflösung wie zur veredelnden Regeneration unedler Metalle einen vollkommenen astralischen Metallsamen, eine basische Goldmaterie ("Goldhefe"), sowie die im "Tau des Himmels" enthaltene universale Wurzelfeuchtigkeit, um mit Hilfe des geheimen Feuers der Philosophen das große Werk zur entsprechenden Zeit zu vollenden. Denn wer Gold ernten will, muß vorher lebendiges Gold säen! So du Metall machen willst, so sei "Metall" dein Fundament. Die radikale Auflösung des Rohmaterials oder Subjectum crudum in sein eigenes magisches Wasser oder "Blut", wie sie mit Hilfe des Alkahest vollbracht wird, ist der Beginn und die Grundlage des ganzen Magnum Opus der Hermetischen Kunst.

Schüler: Es heißt, daß alle Metalle durch den Alkahest zunächst in ein rotes Salz verwandelt werden müssen. Ist dasselbe identisch mit jenem Salz der drei Prinzipien: Sal, Sulphur und Merkur, aus denen die Metalle anfänglich bestehen?

Meister: Nein, denn das gewöhnliche, unaufgeschlossene, rohe Salz hat niemals diese herrlich leuchtendrote Farbe, die von dem ihm später durch den Alkahest zugeführten hochroten Sulphur herrührt.

Schüler: Wie geht nun der weitere Vorgang der Metallveredlung vor sich?

Meister: Um Gold zur Vermehrung zu bringen, muß man es in eine hierzu taugliche Erde tun, die aber auch mitunter ein Wasser genannt wird, damit das Gold gleich einem Samenkorn zur "Fäulnis" gebracht oder aufgeschlossen, aufgelöst wird. Dabei wird das Gold in sein "erstes Wasser", das heißt seine Materia prima zurückverwandelt oder resolviert. Es entsteht der "Mercurius Philosophorum", da ja nach Ansicht der Alchymisten Metalle nichts als koagulierter Merkur sind.

Dieser "Mercurius Philosophorum" oder "Mercurius Duplicatus" ist die eigentliche Materia prima des Steins der Weisen. Wie ja auch die Weisen sagen: "In mercurio est, quidquid quaerunt sapientes".

Schüler: Auf welche Weise entsteht denn nun der Mercurius duplicatus?

Meister: Die kürzeste Formel zur Darstellung desselben lautet: "Fac Mercurium per mercurium ad aquam mercurialem". Mach den Merkur durch den Merkur zu einem merkurialen Wasser, das heißt bringe die Körper durchs Wasser ins Wasser zur ersten Materie wieder zurück.

Schüler: Diese Formel verstehe ich nicht ganz. Gibt es denn in der Alchymie mehrere Arten von Merkur?

Meister: Es ist kein Wunder, daß der Merkur dem Anfänger manche Schwierigkeiten bereitet. Unterscheiden doch die Alchymisten den speziellen Merkur vom allgemeinen oder universellen Merkur, den solarischen vom lunarischen, den himmlischen vom koagulierten, und nun heißt es gar noch, man solle den Merkur durch den Merkur bereiten. Mit dieser Formel kann der Anfänger sicher nicht viel beginnen. Aber etwas geht doch daraus hervor, nämlich, daß die Materia prima oder Mercurius Philosophorum erst dargestellt werden muß, wozu aber, wie erklärt, der Alkahest nötig ist, das heißt das universale Auflösungsmittel, ohne das die radikale Aufschließung oder Solution des Goldes nicht bewirkt werden kann. Daher wird diese Solution auch mit Recht der Hauptschlüssel des ganzen Magnum Opus genannt. Bedenken wir ferner noch, daß alle wahren Adepten lehren, der Lapis Philosophorum müsse aus "Metallen", von "Metallen und durch "Metalle" gemacht werden, so ist damit schon genug gesagt.

Denn nur ein Mensch kann einen Menschen zeugen, ein Löwe nur einen Löwen und ein Metall auch wieder nur ein bestimmtes Metall. Aber aus Körpern allein können keine Körper entstehen, sondern nur aus lebendigen Samen. Wer daher unedle Metalle in Gold verwandeln will, muß also zunächst wahren Goldsamen besitzen. Daher sprechen auch die Alchymisten von der Materia prima der Metalle als von einer spermatischen Wurzelmaterie.

Schüler: Gerne, ehrwürdiger Meister, hätte ich noch etwas Näheres über die Bereitung des Mercurius duplicatus von Euch erfahren.

Meister: Nun so hört, was der große Meister Theophrastus Paracelsus darüber schreibt. Er sagt nämlich: "Nimm Mercurium essentificatum, trenne ihn von allen Ãœberflüssigkeiten und Unreinigkeiten, das ist, purum ab impuro, sublimiere ihn mit dem Antimon so, daß sie beide aufsteigen und einswerden, danach löse es und koaguliere es zum vierten Male und dann hast du den Mercurium vitae".

Schüler: So wäre also der gereinigte essentielle Merkur in Verbindung mit dem sublimierten Antimon der gesuchte Mercurius duplicatus?

Meister: Allerdings, da das "Antimon" ja nach Ansicht der Alchymisten nichts anderes als koagulierter Merkur ist!

Schüler: Sagt Paracelsus noch etwas mehr über die Materia prima?

Meister: Gewß, er schreibt: "Die Materia der Tinktur ist ein Ding, so du mich recht auf spagyrisch verstehst, das von dreien in einiges Wesen durch die vulkanische Kunst ausgehen oder bleiben mag, und daß ich dirs mit seinem Namen nach altem Brauch nenne, so ists der rote Löwe, von vielen genannt und wenigen bekannt. Dieser kann durch der Natur Hilfe und des Alchymisten Kunst in den Weißlichen Adler verwandelt werden, so daß aus einem zwei werden. Wenn du das nicht verstehst, so bist du weder von Gott zur Alchymie geboren, noch von der Natur zu den Werken des Vulkans erkoren."

"Die Materie der Tinktur ist die größte Perle und der edelste Schatz auf Erden, sie ist die weiße Lilie der Alchymisten, wonach so viele Philosophen so eifrig gesucht haben und deren Bereitung doch nicht völlig zustande gebracht haben, weil sie nicht die volle Erkenntnis besaßen, darum sag ich euch: Nehmt von dem Roten Löwen nur das rosenfarbene Blut und von dem Adler nur den weißen Gluten (Leim), und nachdem ihr dieses zusammengefügt habt, so habt ihr die Tinctura Physicorum, der so viele nachgegangen und die so wenige gefunden haben."

"Laß es dir ein Mysterium der Natur sein, ein Magnale Dei und ein Schatz in diesem irdischen Jammertal, ein unansehnliches Ding in ein anderes adeliges zu verwandeln, das es vorher nicht war. Durch diese Kunst wird der äußerliche Körper zerstört und es entsteht ein anderer unsterblicher Leib und Wesen. So du aber diese Kunst lernen willst, so kann sie dir nicht noch deutlicher beschrieben werden, sondern du mußt bei den Alchymisten in die Schule gehen. Dann wirst du sehen, daß, sobald die Lilie sich im physischen Ei erwärmt, sie mit seltsamer Erzeigung schwärzer wird als ein Rabe, mit der Zeit aber weißer als ein Schwan und schließlich röter als der indische Safran." (Paracelsus, Tinctura physicorum) [in einigen Ausschnitten, der Hrsg.]

Schüler: Unter dem Blut des Roten Löwen versteh ich den roten "Wein der Philosophen" und unter dem "Leim des weißen Adlers" den weißen Liliensaft, das heißt unseren philosophischen [Merkur]. Wenn nun diese beiden durch unseren Antimon zusammengefügt und mit dem letzteren verbunden werden, dann müßte ja eigentlich der Mercurius duplicatus bereitet sein. Ist es so, verehrter Meister?

Meister: Ganz recht. Nur muß man wissen, daß der Antimon bereits ein zu einem fixen Salz koagulierter Merkur ist und daß man dieses Salz zuvor aufschließen, das heißt in sein erstes Merkurialwasser oder seine Materia prima zurückführen muß. Erst, wenn das Salz derartig aufgelöst ist, kann es sich mit dem Universal-Merkur verbinden und so das Blut des Roten Löwen, das heißt den wahren Gold-Samen in sich aufnehmen, wodurch dann erst der Mercurius duplicatus entsteht.

Wenn nun der universale Same oder Geist dem Subjekt der Kunst hinzugefügt wird, so wird der Same durch die Vereinigung mit dem Universal-Merkur ein gleiches Specificum, denn es kommt ja die Mutter zum Kinde oder das Kind zur Mutter, und die Mutter nährt und mehrt das Kind mit ihrer eigenen Substanz, so daß nicht allein die Kraft und Tugend unseres philosophischen Kindes durch den konzentrierten und geschärften Universal-Samen vermehrt, sondern auch quantitativ und qualitativ wunderbar erhöht wird.

Schüler: Gerne würde ich nun auch noch nähere Einzelheiten über den vollständigen Prozeß des Magnum Opus erfahren, also die endgültige Bereitung des Lapis Philosophorum.

Meister: Der ganze Prozeß des Werkes baut sich auf in sieben Stufen oder Graden: Die Kalzination, Sublimation, Solution, Putrefaktion, Destillation, Koagulation und Projektion.

Schüler: Was versteht man unter der Kalzination?

Meister: Unter dieser Bezeichnung versteht man in der Alchymie das Brennen oder Glühen eines rohen Steines im Feuer, wodurch derselbe zu Kalk, Asche und Pulver gebrannt wird. (Kalzination = Reverberation, Zementation im Töpfer-, Ziegel- oder Kalkofen). Durch diesen Prozeß wird die Materie von groben und verbrennlichen Bestandteilen gesäubert und zur Auflösung vorbereitet, das heißt es wird der flüchtige, verbrennliche Schwefel der Materie entzogen. Während die Materie so mehrmals im geheimen Feuer geröstet wird, wird aus derselben von Zeit zu Zeit der feurige astrale Salpeter derselben gleich kleinen Blumen oder Bäumchen hervorwachsen, doch müssen diese immer wieder samt dem Feuer unter die Materie gerührt werden. Eigentümlich ist dabei, daß während der alchymistischen Kalzination sich die Grundfeuchtigkeit der Materie vermehrt, anstatt wie bei der gewöhnlichen Kalzination weniger zu werden. Es ist dies eine sehr geheime Operation, die alle bekannten Begriffe der gewöhnlichen Chemie der Schule geradezu auf den Kopf stellt. Denn, genau gesprochen, wird bei der alchymistischen Kalzination die Materie in einem Feuer geglüht, welches zugleich ein Wasser ist, das den erwähnten flüchtigen und feurigen Bestandteil der Materie, das heißt den solaren, astralen [?] an sich zieht und absorbiert. Während der Kalzination wird auch auf rätselhafte Weise Gold durch "Wasser zu Asche verbrannt". Das sind alles Paradoxa, die der Uneingeweihte nicht begreifen kann. Wer es aber fassen kann, der fasse es!

Da in dieser Vorarbeit des Magnum Opus der Lapis sowohl an Gewicht wie an Kraft zunimmt, nannten die Weisen ihn ihren wachsenden oder vegetabilischen Stein. Erwähnt muß noch werden, daß der philosophischen Materie gleich zu Beginn des Großen Werkes "Goldhefe" zugefügt werden muß, die wie ein Ferment wirkt, ohne welches die geheime alchymistische Kalzination nicht zustandegebracht und der metallische Goldsame der Materie nicht zum Leben erweckt werden könnte.

Schüler: Wenn ich recht vermute, so ist diese geheimnisvolle Goldhefe in dem Universal-Auflösungsmittel, dem Alkahest enthalten, ohne das die Materie nicht aufgeschlossen werden kann.

Meister: Sehr richtig, und daher wird die Präparation des Alkahest im Orden der Rosenkreuzer ja als Probearbeit dem geheimen Werk vorangesetzt.

Schüler: Und wie geht das Große Werk nun weiter?

Meister: Der zweite Grad des geheimen hermetischen Werkes ist die Sublimation (Exaltation, Elevation, Fixation), die eine trockene Destillation ist. Denn wie bei der Destillation von phlegmatischen (schleimigen und wässerigen) Dingen, deren Wasser aufsteigt und sich vom Körper absondert, so wird bei der Sublimation das Geistige vom Körperlichen und das Flüchtige vom Festen separiert, emporgehoben, gesteigert und sublimiert. Daher heißt es schon in der 'Tabula Smaragdina': "Scheide die Erde vom Feuer, das Feine vom Groben, klug und besonnen". Es handelt sich also um eine Abscheidung des Reinen vom Unreinen, des Oberen vom Unteren,"purum ab impuro". Die rohe Materie besteht aus Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die chaotische Mischung enthält alle Elemente. Aber nichts kann das Chaos ausrichten, wenn nicht zuvor seine Bindungen gelöst werden. Durch die Sublimation wird nun das Chaos zerteilt, so daß die beiden leichten und flüchtigen Elemente, Feuer und Luft nach oben steigen, während die beiden schweren Elemente: Wasser und Erde, unten bleiben. Es ist wie am Anfang der Schöpfung, wo der göttliche Geist über den Wassern der Tiefe schwebte und diese chaotischen Wasser in obere und untere teilte. Eine solche Teilung müssen wir auch in der Schöpfung unserer kleinen Welt (Mikrokosmos) vornehmen.

Sobald durch den Prozeß der Kalzination das geheime innere Feuer, das sich hauptsächlich in den beiden wirkenden Elementen befindet, erweckt wurde, beginnen die Elemente miteinander zu streiten, bis die völlige Separation eintritt. Nun ist das Obere vom Unteren geschieden, Feuer und Luft, von Wasser und Erde. Das Chaos ist nicht mehr.

Die Materie ist sowohl ihrem Wesen wie ihrer Farbe nach von Grund auf verändert, so daß sie, obwohl sie vorher jedermann kannte, nun niemand mehr kennt als der Alchymist selbst, der diese geheime Operation vornahm. Hier ist nun in dem düsteren Chaos das Licht erschienen, das Inwendige der Materie wurde nach außen, das Auswendige nach innen gekehrt.

Glücklich jener Schüler, dem diese geheime Sublimation gelang! Er darf hoffen, nun auch die "gesegnete Schwärze" zu erlangen, die eines der größten Mysterien ist.

Schüler: Die Elemente bleiben aber doch nicht immer Zustand der Trennung?

Meister: Keineswegs, sondern diese vier Elemente, die sich hauptsächlich in zwei Hauptelemente oder Gestalten geteilt haben, müssen nun wieder durch eine Herkules-Arbeit derart miteinander vereinigt werden, daß sie schließlich zusammen nur ein einziges Element oder eine einzige Gestalt bilden, so daß alle vier Elemente im völligen Gleichgewicht der Natur stehen. Es entsteht so ein fünftes Element, die wahre Quinta Essentia der Alchymisten.

Schüler: Das geschieht durch die Solution?

Meister: Ganz recht. Der dritte Grad des Großen Werkes ist die nun folgende Solution, die, wie der Name sagt, eine völlige Auflösung und Destruktion der Materie darstellt (=Dissolution oder Resolution).

Hier werden nun alle Metalle "aus ihrem Wesen gesetzt", radikal solviert. Die Solution ist wohl der allerverborgenste Punkt der alchymistischen Geheimnisse, den die Weisen keineswegs offenbaren. Hier beginnt das große Solve et coagula! In diesem Grad wird alles Feste flüssig und alles Flüssige fest. Durch die Kalzination und Sublimation war den beiden unteren Elementen alles flüchtige Feuer entzogen worden, das sich mit der Luft in die Höhe begeben hatte (Exaltation und Elevation des Feuers). Zurück blieb die "tote Erde", das "Caput mortuum", und das schwere, finstere azothische Wasser. Da sich die Natur aber gerne ihrer eigenen Natur erfreut (natura natura gaudet), so zieht das Leidende gerne das Wirkende an sich, das heißt das wässerige Weib empfängt sehr gerne den Samen des feurigen Mannes, womit der im Blute des Roten Löwen enthaltene Goldsame gemeint ist, der nun dem wässerigen merkurialen Teile der Materie, das heißt dem Azoth wieder zugesetzt wird und die "tote Erde" nun völlig auflöst, so daß Erde, Wasser und Feuer, das heißt Sal, Sulphur und Merkur ein völliges Amalgam bilden.

Das Trockene ist nun vom Flüssigen radikal aufgelöst und das Flüssige zu einem verdickten schweren Gallertwasser geworden, zu einer schleimigen, mineralischen Gur. Das ist nun die vielgesuchte "Materia prima metallorum", das "Meer der Weisen", von dem der tote Körper der philosophischen Materie verschlungen wurde. Nun ist das Gold in unsere Lunam aufgelöst und in seine Muttersubstanz zurückgekehrt. Versunken ist die Sonne im unergründlichen Urwasser, Hyle der Schöpfung. Eine tiefe Nacht bricht an, in der alle Farben verschwinden, eine undurchdringliche Schwärze hüllt alles in ihren Todesmantel ein. Das ist die schwarze Erde oder unser philosophischer [?], der den Mond auffrißt und in seinem Bauch bewahrt, das Rabenhaupt der Alchymisten, unser Laton, der gewaschen, oder unser Naamann, der siebenmal im Jordan (der Fluß der "von oben kommt") getauft werden muß. Wer diese Schwärze erlangt, ist bereits in den Garten der Hesperiden eingedrungen, vor dem sich so viele verborgene Fallgruben befinden. Denn nicht jede Schwärze ist die wahre philosophische oder unser Rabenhaupt. Wenn nämlich die Materie nicht vorher eine durchaus gleichförmige Gestalt oder Wesenheit angenommen hat, wird anstatt des Rabenhauptes ein dunkelbrauner Klumpen oder eine Insel in unserem Meer erscheinen, zum Zeichen dafür, daß das große Werk gründlichst verpfuscht wurde.

Schüler: Was geschieht nun weiter mit der "Materia prima" Goldes?

Meister: Der nächste Grad des Magnum Opus ist ein sehr wichtiger nämlich die Putrefaktion (=Digestion, Zirkulation). In ihr sterben alle lebenden Dinge, faulen alle gestorbenen Dinge und gewinnen alle toten Dinge wieder neues Leben! Die Materia prima des Lapis Philosophorum wird nun auf eine besondere Weise in Roßmist (venter equinus) "begraben", wo sie durch die Wirkung ihres geheimen, inneren Feuers langsam in Fäulnis übergeht. Das in der Erde verborgene Feuer ist der Anfang des neuen Werdens durch die Verwesung.

Dieser Prozeß dauert viele Wochen, während dieser Zeit muß die schwarze Materia fleißig mit dem "Tau des Himmels", das heißt mit einem warmen goldenen Regen (Aqua pluvialis) begossen werden; denn die Erde würde unfruchtbar bleiben, wenn der lebendige Geist oder Same nicht einströmt. Unter dem Einfluß des auf sie herabströmenden goldenen Regens, unseres feurigen Geistwassers (Aqua regis) beginnt die schwarze, im Merkurialwasser solvierte Erde sich nicht nur langsam wieder zu beleben, sondern auch sich seltsam zu verändern, indem sie anfängt zu schwellen, aufzublättern und in die Höhe zu steigen. Die Poren des Körpers öffnen sich in unserem Wasser, wodurch der digerierte Goldsame heraustreten und in seine Materia prima gelangen kann. Sehr wichtig ist auch der Zeitpunkt des Beginns des Magnum Opus, denn unsere Materia hat ein Leben eigener Art, und wie man im Winter keine Blumen und im Sommer keinen Schnee erwarten kann, so muß auch der Gang unserer mikrokosmischen Schöpfung mit dem Kreislauf der großen Natur in Einklang stehen. Manche Philosophen haben nun angegeben, das Magnum Opus müsse im Frühling begonnen werden, doch das trifft nur auf einen gewissen späteren Grad unseres geheimen Werkes zu, nicht aber auf den wirklichen Beginn desselben. Denn unser erstes Werk ist eine Solution, ein Sterben und ein Verwesen der Materie, ein Vorgang, den wir zur Frühlingszeit nirgends in der Natur wahrnehmen. Die großen Mysterien der Antike begannen stets im Herbst! Und wer in dem mystisch-magischen Bilderbüchlein der Fraternität R.C. das Bild von den vier Graden der Wärme aufmerksam betrachtet, wird ohne Schwierigkeiten erkennen, daß das Werk im Zeichen des Steinbocks angefangen werden muß! In der dunkelsten Nacht des Jahres genau im Polus Antarcticus "stirbt" die Sonne, um in der dritten Nacht darauf wieder wie ein kleines Kind neu geboren zu werden!

Daher sagt auch die Adeptin Johanna Leade: "Geh mit den Weisen nach Bethlehem, ja bis zur Wiege des neugeborenen Königs, so wirst du in einem einzigen Subjecto den philosophischen Grund und die Wurzel finden, darin alle drei Anfänge: Geist, Seele und Leib verborgen liegen, des Werkes Anfang, Mittel und Ende". - Während der Putrefaktion wird die alte Natur der Materie völlig in eine andere neue umgewandelt und eine neue Frucht hervorgebracht, eine neue zarte Erde, die nun aus ihrem Grabe wieder auferstehen muß.

Schüler: Diese Auferstehung ist sicher ein eigener Prozeß für sich?

Meister: Sehr richtig. Der auf die Putrefaktion folgende fünfte Grad ist die Destillation (=Ascendieren, Levieren, Imbibieren, Kohobieren und Fixieren). Die Materie wird nun in ein philosophisches Ei (oder Retorte) getan, das sorgfältig mit dem hermetischen Siegel verschlossen wird, damit die flüchtigen Geister nicht exhalieren. Nun wird das philosophische Ei in den Athanor, den alchymistischen Ofen gestellt, bei gelinder gleichmäßiger Wärme, per gradus Balnei Mariae. Indem nun die Masse allmählich ins Kochen gerät, beginnen ihre wässerigen Bestandteile in der Retorte zu zirkulieren. Das scharfe, wässerige, korrosive Azoth, "unser Essig", steigt in die Höhe, wird dadurch dephlegmiert und steigt als höchst feuriger, rektifizierter Weingeist (Aqua regis) wieder in die Masse hinab, um sie zu durchtränken, wodurch der Weingeist wieder acidisch und wässerig wird, um abermals als Azoth abdestilliert zu werden.

So zirkulieren nun das Azoth und Aqua regis, der Essig und der Wein, in der Retorte auf und nieder, wie zwei miteinander kämpfende Vögel (Rabe und Adler), bis das Azoth seine scharfe wässerige Säure völlig verliert und zum feurigen Aqua regis oder Geistwasser wird. Durch dieses ständige Tränken (Imbibieren) mit feurigem Geistwasser und ständige Abdestillieren oder Aufsteigen des sauren wässerigen Geistes beginnt die schwarze Masse sich langsam aufzuhellen und durchläuft nun eine eigenartige Skala buntschillernder Farben, bis sie zuletzt wie ein Opal in allen Farben des Regenbogens schimmert. Es ist dies die sogenannte "Cauda pavonis", dessen Schönheit die Alchymisten nicht genug loben können. Wer bis zu diesem Grad gelangt, der schaue an die wundersame Operation der Natur - und schweige! Aus dem schwarzen Raben, der mit dem feurigen Adler stritt, ist nun ein buntschillernder Pfau geworden, und aus der dunklen Erde sind sieben farbenprächtige Blumen hervorgeblüht, zum Zeichen, daß die neuen Planeten unseres verklärten gestirnten Himmels bereits ihre Einflüsse in unsere auferstandene Erde hineingesenkt haben, um neue, edlere Metalle in ihrem Inneren zu erzeugen!

Zwischen Feuer und Wasser ist nun Friede geworden, und der mystische Regenbogen wölbt sich über die aus dem Wasser aufgetauchte neue Erde. Nun währt es nicht mehr lange, bis die bunt schillernde Masse sich in ein herrliches Grün und dann ganz in die Farbe des leuchtenden Schnees verwandelt.

"Oh gebenedeite Grüne, ohne welche keine Hoffnung, den philosophischen Stein zu erhalten!", rufen hier die Alchymisten aus; denn von der Schwärze zur völligen Weiße kann man nicht anders gelangen, als durch eine Reihe bunter Farben. Diese reine leuchtende Weiße ist nun das Reich unseres wiedergeborenen Mondes, unsere herrliche weißglänzend Diana, unsere unvergleichliche himmlische Königin mit ihrem weißen Schwan und ihren weißen Tauben. Dies ist unser weißer, nicht-färbender Schwefel, dies ist unser weißes Elixier.

Schüler: Wer das "Weiße Elixier" erlangte, ist demnach schon ein Adept?

Meister: Selbstverständlich, und zwar ein sehr hoher, denn schon wer den schwarzen Raben erlangte, ist bereits ein wahrer Adept der Hermetischen Kunst, weil niemand ohne göttlichen Willen dahin gelangen kann.

Schüler: Wie aber geht der Weg nun weiter zum "Großen Magisterium"?

Meister: Der nächste und sechste Grad unseres Großen Werkes ist die Koagulation, die Fixierung oder Festmachung unseres flüchtigen "Mercurius duplicatus". Das geheime Feuer wird nun verstärkt, wodurch sich die schleimige, spermatische Wurzelmaterie in der fixen und beständigen Wärme koaguliert wie ein Ei im Brutofen. Dadurch wird das feine schneeweiße Gewand unserer Königin, das heißt unseres weißen, wiedergeborenen Salzes, allmählich in eine herrliche Zitronenfarbe verwandelt, die schließlich in ein glänzendes Rot übergeht, zum Zeichen, daß unsere Königin nun den Sohn unserer herrlichen Sonne gebären wird, den größten Schatz der ganzen Welt.

"Rufet unseren Sohn von glänzender Sonne, unsere jungfräuliche Erde aus Damaskus Gefilde, unseres doppelten Merkurs Gold, das dem Feuer nicht mehr entgeht." - "Dieses ist unsere geheimste Operation, unsere adamitische Erde, eine vollkommene Sache; dieses ist das köstliche Blut unserer Schlange; dieses ist die wahre Vereinigung der vier Elemente; dieses ist das Geheimnis, welches die Mächtigen suchen, dieses ist es, was man nie in unseren Büchern geoffenbart findet!!" (Friedrich Gnaldo, Philosophia Hermetica).

In der chaotischen Mischung schafft die Natur durch Tod und Verwesung das neue Leben. Aus einem Prinzip sind zwei geworden: Mann und Weib, feuriges Wasser und wässerige Erde. Die Natur verbirgt in der Erde den Samen der Dinge und im Weibe ist der Same des Kindes verborgen, das geboren werden soll. Nun wächst unser herrlicher König heran, wird stark und mächtig, um nun seine ihm ebenbürtige himmlische Königin zu ehelichen. Aus Todesnacht und Kreuzigung ist unser Sonnen-Sohn dem Grabe der Erde in verklärter Auferstehung entstiegen, siehe die Sonne im Zeichen des Widder!

Siehe das neue Leben in der Natur, und wie nun alles zur Vereinigung strebt! Durch Lösung und Verbindung entsteht das ganze Mysterium. Die innigste Liebe im Heiligtum der Natur ist das Mysterium. Siehe, es dürstet die Erde, gib der Dürstenden zu trinken! Die jungfräuliche Erde wird nun mit dem höchst rektifizierten Geistwasser getränkt, so daß ihr die luftige und feurige Feuchtigkeit unseres philosophischen Merkurs einverleibt wird, während gleichzeitig der flüchtige Teil unseres Salzes durch ein subtiles fixes Feuer, das im Innern der Erde steckt, koaguliert und fixiert wird. Der Himmel ist nun zur Erde herab-, die Erde zum Himmel emporgestiegen.

"Es steigt von der Erde zum Himmel, und vom Himmel wieder auf die Erde und empfängt die Kraft des Oberen und Unteren. Wenn du dieses zustandegebracht hast, wirst du die Herrlichkeit der ganzen Welt besitzen und alle Finsternis wird von dir weichen." (Tabula Smaragdina).

Der Körper ist geistig, der Geist corporalisch geworden. Das Große Werk des Hermes ist beendet. Der Kreislauf der Natur ist geschlossen! - So wie im Herbst die Sonne von uns scheidet, unter die Erde hinabsteigt, in der dunkelsten Nacht des Jahres stirbt, um dann langsam wieder aus ihrem Grabe emporzusteigen und im Frühling mit der erneuerten Erde sich zu vereinen, so bilden auch die Separation, Solution, Putrefaktion, Destillation und Koagulation unserer philosophischen Materie einen vollkommen analogen Kreislauf der Natur.

Schüler: Wie oft muß nun dieses Rad der Natur gedreht werden, bis das Große Magisterium erreicht ist?

Meister: Dazu sind sieben Umdrehungen nötig, denn eine solche Zahl gehört zur Vollkommenheit unseres Großen Werkes. Sieben Jahre braucht der Schüler, um ein wahrer Meister zu werden. Die Drehung ist aber nichts anderes als die Wiederholung dessen, was man einmal gemacht hat. Unsere feurige Schlange gefällt sich in Drehungen! Sieben Rotationen genügen, damit die dichte Körperlichkeit abgelegt werde und von allen Flecken gereinigt der Stern in weiß und rot erstrahle. Das Wasser wäscht, das Feuer reinigt durch Entbannung. Beides vollendet die Drehung, sie entfernt die Flecken und brennt die Unreinigkeiten weg. Und wenn die Körperlichkeit in die Geistigkeit übergeht, so ist die Vollendung da.

Etwa bei der fünften und siebten Drehung des Rades der Natur zeigt sich nun ein ganz außergewöhnliches Phänomen: Während sonst beim Destillationsprozeß die beiden Flüssigkeiten in Form undurchsichtiger Dämpfe oder "Geister" in der Retorte zirkulieren, erhebt sich etwa um die fünfte bis siebente Drehung auf einmal aus der Materie ein milchiger Nebel in die Höhe, um vollkommen losgelöst von aller Schwere frei im oberen Hohlraum der Retorte zu wallen und zu schweben. Dieser geheimnisvolle, aus dem Azoth entstandene weißliche, leuchtende Nebel ist die sogenannte Jungfernmilch, auch der "Vogel des Hermes", der "fliegende Drache" oder der "Phönix" genannt, der aus der Asche des Goldes emporstieg. Das ist unsere weißgeblätterte Erde. - Nun ist die Pforte des Todes geöffnet, eine neue Schöpfung hebt an, der Skarabäus fliegt von der Erde auf, der Sonne entgegen!

Betrachtet man diese merkwürdige "Milch" genauer, so sieht man, daß sie von einer wasserhellen Flüssigkeit wie von einer silberweiß [?] glänzende Sternchen flimmernd durcheinander schwimmen. Diese rätselhaften silbernen Fischchen sind die geheimnisvollen "Echeneis", mit denen nachher in Berührung zu kommen für den Anfänger nicht ratsam wäre!

Fiat!


Copyright © 2013. All Rights Reserved.