Der bekannteste Vertreter der europäischen Spagyrik im ausgehenden Mittelalter war Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus. Er hatte eine Sicht, die wir heute ganzheitlich nennen würden. Er sah krankheitsauslösende Einflüsse aus fünf Bereichen und nannte diese die "fünf Entien". Nach meiner Ansicht entsprechen die Entien folgenden Einflüssen: 

  •  Ens astrale: Physikalische Einflüsse; z.B. Strahlung, Hitze, Kälte 
  •  Ens veneni: Toxische Einflüsse; endo- und exogene Stoffe mit giftartiger Wirkung 
  •  Ens naturale: Hereditäre Einflüsse; Veranlagung: Konstitution, Disposition, Diathese 
  •  Ens spirituale: Seelische Einflüsse; Psychosomatik 
  •  Ens Dei: Karma oder Schicksal; geistige Ursachen, gewissermaßen die Quintessenz der vier ersten Entien 

Die Alchymie oder die"Wissenschaft vom Leben in der Materie" ist die Grundlage der Spagyrik. Sie darf nicht mit der Biologie gleichgesetzt werden, und sie ist auch nicht ein primitiver Vorläufer der Chemie. Für das Verständnis ist es hilfreich, wenn man sie von den anderen Richtungen abgrenzt und sich vergegenwärtigt, daß die Chemie die Wissenschaft von den Stoffen ist und die Biologie die Wissenschaft von der belebten Materie.

Chemie = Wissenschaft von den Stoffen 

Biologie = Wissenschaft von der belebten Materie 

Alchymie = Wissenschaft vom Leben in der Materie 

Die menschliche Konstellation 

Die menschliche Konstellation entspricht den vier Elementen Erde,Wasser, Feuer und Luft. In den Bereichen Erde,Wasser und Feuer findet man die drei philosophischen Prinzipien Sal, Merkur und Sulfur. 

Die Physis des Menschen allein, ohne das Leben etc., ist der Leichnam, welcher der Erde zugeordnet wird ("Erde zu Erde"). Die Essenz der Erde ist das Sal, das Salz der Erde. 

Das Vital, der ätherische Bereich, ist dem Wasser zugeordnet. Es ist die Grundlage für das vegetative Leben. Es ist das "Wasser des Lebens", "Aqua vitae". Die Essenz des Wassers ist der Merkur. 

Die Seele, der astrale Bereich, ist dem Feuer zugeordnet. Hier finden wir den fixen und den flüchtigen Sulfur. Der fixe Sulfur ist der physiszugewandte, und der flüchtige Sulfur der geistzugewandte Teil der Seele.

In der astralen Seelenwelt ist übrigens für die christliche Mythologie das Fegefeuer. In diesem höllischen Bereich findet sich Feuer, Pech und Schwefel. Hier verbrennen alle unreinen Seelenanteile, die nicht nach oben in den geistigen Bereich steigen können. 

Spagyrik 

Die Spagyrik ist die praktische Umsetzung alchymistischer Erkenntnisse in Diagnose, Prophylaxe, Therapie und Arzneimittelherstellung. Spagyrische Arzneimittel entsprechen dem Menschen in den drei Bereichen Sal, Merkur und Sulfur. Sie wirken damit auf die Physis, auf das Vital und auf die Seele. 

Die Begriffe Sal, Merkur und Sulfur sind in der Spagyrik nur eine technisch-laborantische Bezeichnung von Stoffgruppen, die zwar zu Mißverständnissen führen kann, sich aber im spagyrischen Labor seit vielen Jahrhunderten bewährt hat. 

In der Laborarbeit ist Sal das Feuerfeste, Merkur das Füchtige, Sulfur das Verbrennliche. Die Begriffe werden bevorzugt nur als Symbole verwendet. Sie haben ursprünglich eine viel wichtigere und tiefere Bedeutung. 

Beim Menschen haben die "drei philosophischen Prinzipien" folgende Entsprechung: 

Sal = physischer Leib 

Merkur = Vital, Lebenskraft, Äther - "anonym"

Sulfur = astrales formgebendes Prinzip - nicht "anonym"

Die philosophischen Prinzipien müssen für eine gute Gesundheit in einem Gleichgewicht stehen. 

Zuwenig Sal äußert sich in Form von Mangelerkrankungen. Bei einer Merkur- Schwäche würde der ungehinderte Sulfur die Verbrennungsprozesse überschießen lassen. Daraus würde Entzündung und Abbau entstehen. 

Sulfur ist gewissermaßen der Gegenspieler des Merkurs. Bei einer Sulfur- Schwäche würde durch den ungehinderten Merkur ein ausuferndes vegetatives Wachstum entstehen, Gewebe würden proliferieren. Sulfur begrenzt dieses Wachstum. 

Spagyrische Arzneimittel 

Die drei Kriterien für spagyrische Arzneimittel sind, daß sie eine spezifische stoffliche Basis, eine Heilkraft und eine indikationsspezifische Ausrichtung dieser Heilkraft aufweisen müssen. Beim spagyrischen Heilmittel haben die "drei philosophischen Prinzipien" folgende Bedeutung:

Sal = spezifische stoffliche Grundlage eines spagyrischen Präparats 

Merkur = unspezifische, "anonyme" Heilkraft 

Sulfur = die indikationsspezifische Ausrichtung der Heilkraft 

 
Richtig hergestellte spagyrische Präparate stellen dem Organismus spezifische (Lebens-)Kräfte - gebunden an eine entsprechende stoffliche Basis - zur Verfügung. Gewissermaßen sind dies an eine passende stoffliche Grundlage gekoppelte organspezifische morphogenetische Felder, mit denen der Erkrankte seine Defizite auffüllen und seine Defekte reparieren kann. Echte spagyrische Arzneimittel können daher auch bei alten und vitalschwachen Patienten eingesetzt werden, ohne daß ein Risiko besteht, da sie dem Organismus die nötige Energie zuführen. Erstverschlimmerungen sind in der Spagyrik unbekannt. Was allerdings entstehen kann, sind Entgiftungsreaktionen. Diese unterscheiden sich von den Erstverschlimmerungen der Homöopathie u. a. auch dadurch, daß der Patient sich dabei wohler, gewissermaßen "über dem Berg" fühlt. 

Die Zukunft der Spagyrik 

Die "Wissenschaft vom Leben in der Materie" ist die Grundlage der Spagyrik. Wenn wir uns einmal mehr um das "Leben" kümmern und weniger um die mechanistische Seite der Welt, wird die logische Konsequenz sein, daß auch die Spagyrik mehr und mehr in den Mittelpunkt des therapeutischen Spektrums gelangt. Dafür ist es nötig, daß sowohl Pharmazeuten und Therapeuten an der Spagyrik als auch "Philosophen" an einer Alchymie der Zukunft mitschaffen. Dabei sind die alten Schriften und Überlieferungen wichtig; sie sind unsere Basis, wir dürfen nur nicht bei ihnen stehenbleiben. Vieles ist in den alten Schriften verfälscht, der Patient ist heute nicht mehr der gleiche Patient wie vor fünfhundert Jahren, einiges für unser Bewußtsein nicht mehr nachvollziehbar. Daher ist es essentiell wichtig, daß wir uns in selbstbewußter Weise auf unsere eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse verlassen und an der Weiterentwicklung einer Alchymie und Spagyrik der Zukunft arbeiten. Dabei müssen wir den Mut haben,Wege zu gehen, die sich von den vergangenen und gegenwärtigen unterscheiden. 

 Jürgen Christian Bauer, zusammengestellt von Daniel Schanz 


Dies war ein Auszug aus dem Vortrag, den Heilpraktiker Jürgen Christian Bauer 2001 auf dem Gießener Symposium des Forschungskreises gehalten hat. (ds)


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