Eine kurze Untersuchung über den 'Coelum reseratum chymicum' des J. G. Toeltius

Wahrscheinlich den entscheidenden Anstoß zur Verbreitung der Legende, Johann Thölde, der bedeutendste Herausgeber der Schriften des Basilius Valentinus, sei Sekretär der Rosenkreuzerbewegung gewesen - jedenfalls dessen einzige vermeintliche Bestätigung -, gab eine immer wieder ungeprüft zitierte Bemerkung des (pseudonymen) Innocentius Liborius ab Indagine. Dieser soll nämlich in seinen 'Chemisch-Physicalischen Nebenstunden' (Hof 1780) geschrieben haben, die - ihm zufolge - 1604 entstandene Rosenkreuzerbewegung sei wegen der chymischen Schriften des Basilius mißgünstig geworden und habe eine weitere Herausgabe dieser Geheimnisse verhindern wollen.

 

Daher habe man im Jahre 1624 Thölde beredet, geheimer Sekretär der Bruderschaft zu werden. Zur Stützung dieser Geschichte wird angeführt, dass in der Tat nach 1624 vorerst keine Schriften Thöldes mehr erschienen sind. Allein sein 'Coelum chemicum', „eine handschriftliche Sammlung rosenkreuzerischer Arkane“, sei erst lange nach seinem Tod herausgekommen. Ein Sohn Thöldes, der im Jahre 1740 ein 84jähriger Mann gewesen sein soll, habe noch verschiedene Manuskripte seines Vaters in Besitz gehabt.

Darauf verweist der berühmte Ferguson, Lenz übernimmt diese Ansicht in seine Dissertation über Thölde1, mit der leichten Einschränkung, es könne sich anstatt des Sohnes allenfalls um einen Enkel Thöldes handeln, und auch Frank Daniel Schulten, der 1994 Fotokopien des 'Coelum reseratum chymicum' in Umlauf bringt, schließt sich dieser Auffassung „intuitiv“ an, wenn er sich auch außerstande sieht, konkrete Gründe für diese Annahme anzugeben.

Der Text selbst gibt dazu auch keine Veranlassung. Die Sprache ist allerfrühestens spätes 17. Jahrhundert, und soll doch schon im Jahre 1612 im holländischen Dordrecht ins Deutsche übersetzt worden sein. Inhaltlich erreicht der „Entriegelte chymische Himmel“, so die Bedeutung des Titels, weder die 'Haligraphia' Thöldes noch dessen handschriftliches 'Procesbuch'. Vor allem findet sich weder im Text dieser kuriosen Sammlung noch in den beigegebenen Kommentaren des Rosenkreuzeroberhauptes Johann Carl von Frisau aus dem Jahre 1736 auch nur der mindeste Hinweis auf Thölde. Vielmehr klagt Frisau über den von ihm hochgelobten Autor des 'Coelum reseratum', daß es „ewig schade um ihn gewesen, daß er nicht als eine Privatperson soll unter uns an- und aufgenommen sein“ (Seite 121). Wer immer also diese Texte zusammengestellt hat, war selbst nicht Rosenkreuzer!

Aber auch zeitlich läßt sich die Entstehung des Textes noch genauer eingrenzen. Auf den Seiten 105/106 finden sich wörtliche Übernahmen aus Agricolas 'Chymischer Medicin'2, die 1638 erschien, darüberhinaus wird der Autor Monte Snyder genannt (Seite 38), der seine Schriften um das Jahr 1663 veröffentlichte. Damit dürfte klar sein, daß Johann Thölde als Verfasser des 'Coelum reseratum' nicht in Frage kommt.

Indessen gibt Schulten einen nützlichen Hinweis, daß nämlich ein mehr oder weniger gleichnamiger 'Coelum chymicum' eines Niederländers Jacob Tollius3 vorliege. Damit dürfte man der Sache sehr viel näherkommen. In den Niederlanden gab es im 17. Jahrhundert jedenfalls etliche Gelehrte mit Namen Tholdius, Tolde oder auch Tollius. Dann wäre auch die Datierung des angeblich thöldischen 'Coelum reseratum chymicum' schlicht als ein Druckfehler anzunehmen. „1612“ ist vielleicht aus „1672“ verschrieben und die Ausgangssprache wäre dann möglicherweise nicht Latein, sondern Niederländisch gewesen. Vielleicht ist aber auch alles Mystifikation, denn die Übernahme wörtlicher Passagen aus Agricola macht eine Übersetzung eigentlich überflüssig.

Nun könnte Thölde ja unabhängig von seiner hiermit ausgeschlossenen Autorschaft am 'Coelum reseratum' immer noch Sekretär der Rosenkreuzerbewegung gewesen sein. Allerdings stimmt die oben angeführte Behauptung, die deren „erste Blüte“ in das Jahr 1604 legt, zeitlich nicht. Der Ursprung der Rosenkreuzerei liegt vielmehr in einer erst 1614 in Umlauf gebrachten Utopie des jungen Satirikers Johann Valentin Andreae , die ein damals weit verbreitetes Bedürfnis nach Erneuerung formulierte und deshalb begeistert aufgegriffen und für bare Münze genommen wurde. - Mithin wäre zu klären, was Thölde in dieser Zeit unternommen hat.

Dem Autor der 'Chemisch-Physicalischen Nebenstunden' fiel auf, daß Thölde nach 1624 keine Bücher mehr veröffentlichte. Lenz entdeckte ein Rezept, auf dem vermerkt stand, daß es aus dem Nachlaß Thöldes stamme und am 8. Mai 1624 den Besitzer gewechselt habe. Damit erübrigte sich der Scharfsinn des ersten. Bleiben die zehn Jahre von 1614, dem Stiftungsjahr der Rosenkreuzerbewegung, bis 1624. Nachrichten von Thölde finden sich aus dieser Zeit nicht. Zwei Neuauflagen seiner Schriften sind mehr oder weniger unveränderte Nachdrucke. Dennoch ist mit großem philologischen Aufwand nachgewiesen worden, daß es gar nicht anders sein könne, als daß Thölde dazumal in der als Zentrale der Rosenkreuzerei identifizierten landgräflichen Residenz Kassel eine leitende Funktion ausübte.

In der Absicht von Geheimorden liegt es, ihre Lehren zu verbergen und durch widersprüchliche Aussagen und Andeutungen, die nur dem Eingeweihten entschleiert werden, zu tarnen und sie dem Außenstehenden, der als Bedrohung der Bruderschaft, als Mißbraucher der Geheimnisse oder schlicht als Unwürdiger auftritt, vorzuenthalten. Diese Widersprüchlichkeit - am Ende kann ja alles auch genau das Gegenteil bedeuten! - trägt gepaart mit der schlechten Auskunftslage zur Mystifikation der Bruderschaft der Rosenkreuzer bei, die schließlich als das ideale Alibi für alles Ungeklärte herhalten muß.

Thölde gab die Schriften des Basilius bekanntlich in Frankenhausen am Kyffhäuser heraus, wo er 1599 eine reiche Witwe und Erbin mehrerer Anteile am dasigen Salzwerk, Anna Fischer, verwitwete Beier, verwitwete Ludolf, geheiratet hatte. Im Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt liegt nun aus dem Dezember 1614 ein Vertragstext vor , in dem diese „ihres hohen unvermöglichen Alters halben“ entmündigt und ihr Vermögen unter ihre Kinder aus zweiter Ehe verteilt wird. Im September 1612 wird Anna Thöldin in den Frankenhäuser Kirchenbüchern noch als Ehefrau Thöldes genannt, in dem genannten Vertrag erscheint sie bereits als seine Witwe4. In der Zwischenzeit muß Johann Thölde an bislang unbekanntem Ort gestorben sein. - Bevor sie noch richtig gestiftet war, hatte die Bruderschaft der Rosenkreuzer einen ihrer fähigsten Männer verloren.

Oliver Humberg

1 Hans Gerhard Lenz, Johann Thölde, ein Paracelsist und Chymicus und seine Beziehungen zu Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, Dissertation Marburg 1981.

2 Ausgabe 1638: Seite 76, Ausgabe 2000: Seite 83.

3 Dieser Tollius (1630-1696) war ein alchemiebegeisterter Philologe und schrieb unter anderem eben eine 'Manuductio ad Caelum chemicum'. In deren Ausgabe Jena 1752 soll Tollius' Vita enthalten sein, die vielleicht Klarheit in dieser Frage schafft.

4 Thüringisches Staatsarchiv Rudolstadt, Kanzlei Frankenhausen, E V 6 Nr. 15, Blatt 404 - 413. Schon in den Rechnungen der Stadt Frankenhausen von 1613/14 heißt die Anna Thöldin wieder „die Doctor Beyerin“. Man kann also davon ausgehen, daß Thölde zum Datum der Rechnungslegung (ca. Oktober 1614) bereits verstorben war.


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