Im Hermes Nr. 19 erschien ein Artikel von K. Hollerbach: 'Einige Anmerkungen zur Antimonarbeit', der zu Meinungs-/Erfahrungsäußerungen aufrief. Ich möchte im Folgenden kurz einige alte Verfahren beschreiben, die zu einer „Prägung“ oder Veränderung eines Menstruum/Lösungsmittels führen können, ohne daß stoffliche Teile der Impraegnierungsmaterie anschließend im Menstruum enthalten sind, oder ohne daß (vordergründig) eine chemische Reaktion stattfindet. Ich referiere hier nur die alten Methoden, ohne mich an eine Erklärung oder Wertung aus heutiger Sicht zu wagen.

 


Auf Seite 17 des Artikels ist zu lesen: „... das 'Lösungsmittel', das Menstruum wird von unserer Materie geprägt und verändert. Selbst wenn dieser Prozeß nicht dazu führt, daß das Metall, das Mineral stofflich in der Tinktur vorhanden ist, hat es ihm seinen Stempel aufgedrückt.“

Dies beschreibt das, was die Alten auch als „Impraegnierung1 eines Menstruums“ bezeichnet haben.

Impraegnierung/Impraegnation ist eine Art von Impression/Beeindruckung oder 'In=for­mation' einer Materie (Menstruum) mit nichtstofflichen Tugenden/Kräften


1. als prägender Einfluß (per influxus) einer 'Strahlung' oder Einwirkung einer Materie auf eine andere Materie,
2. als Übertragung von Eigenschaften oder einer 'forma' auf eine andere Materie - oder
3. als eine Aktivierung der vorhandenen Eigenschaften, durch Zugabe oder 'Bestrahlung', ohne stoffliche Reaktion, wobei aber eine deutlich erkennbare bzw. erfahrbare Wesensveränderung stattfinden sollte.

Ich verstehe die Impraegnierung von flüssigen Menstrua als eine Verfeinerung der extrahierenden Fähigkeiten, im Gegensatz zur Fortification von Mineralsäuren, die eine Verstärkung der 'groben'korrosivischen Kraft ergeben soll.

Die nachfolgende Darstellung beschränkt sich auf Methoden 'mit Zugabe von Feststoff' und 'durch Bestrahlung', ohne weitere Möglichkeiten, wie 'durch Zugabe von Flüssigkeiten' (zum Beispiel 'Spiritus mit Oel impraegniert', mit anschließender Abtrennung durch einen Scheidetrichter usw.) zu berücksichtigen.

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch Zugabe einer darin unlöslichen Materie

  1. durch Zugabe und Einwirkenlassen eines darin unlöslichen (zerkleinerten) Feststoffs, mit anschließender Abtrennung (durch Dekantieren, Filtrieren oder Abdestillieren), wobei die Eigenschaften/"Kräfte" der zugegebenen Materie das Menstruum verändert/beein­flußt/ge­prägt/imprägniert haben sollen.

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch Zugabe einer darin löslichen Materie

  1. durch Zugabe und Einwirkenlassen eines darin löslichen (zerkleinerten) Feststoffs, wobei aber nur eine 'physikalische Auflösung' eintreten darf (also keine chemische Reaktion = 'chemische Auflösung', wie in einer Säure).

Die Abtrennung nach einer Einwirkungszeit kann

  1. durch Abdestillation des Menstruums erfolgen. Auch hier enthält das abgetrennte Menstruum nichts Materielles von der zugesetzten Materie, soll aber deutlich von dessen Eigenschaften 'imprägniert' sein. - Oder
  2. durch Ausfällung der zugegebenen Imprägnier-Materie (der Kationen und Anionen!) mittels weiterer Zugaben, mit anschließender Abtrennung durch Filtration (= Nicht sinnvoll, da eine saubere Abtrennung der Fremdstoffe, also der Zugabe- und Fällungsreagentien wohl sehr aufwendig ist und das Ergebnis meistens ein 'verunreinigtes' Menstruum sein wird).

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch Einfüllen in ein Gefäß aus einem Material, das seine Tugenden dem Menstruum mitteilen soll

  1. langzeitiges Einwirkenlassen des Gefäßes bzw. der Gefäßwandung (zum Beispiel Goldschale, Antimonkelch) auf eine Flüssigkeit, wobei das eingefüllte Menstruum das Gefäßmaterial nicht anlösen/auflösen darf.
    [Anmerkung: Der bekannte "Brechwein", durch Stehenlassen von Wein in einem Antimonkelch bereitet, ist keine echte Impraegnierung, da kleine Mengen von Antimon dabei in Lösung gehen.]

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch Zugabe eines darin löslichen Feststoffs, mit chemischer Reaktion

  1. durch Zugabe und 'chemische Auflösung'; nach Einwirkungszeit erfolgt Abtrennung durch Abdestillation des 'imprägnierten' Menstruums.
    Dabei darf nur wenig (zerkleinerter) Feststoff zugegeben werden, um noch genügend nicht umgesetztes korrosivisches Menstruum zu erhalten (zum Beispiel eine Mineralsäure mit Antimon-Erz impraegnieren).
    [Anmerkung: Dies ist ein Grenzfall unter den hier beschriebenen Methoden.]

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch Destillation = aufsteigend.

  1. der Helm einer Destillationsapparatur enthält ein Gitter/Rost, auf dem ein im Menstruum unlöslicher zerkleinerter Feststoff liegt, wodurch der aufsteigende Dampf mit dessen Tugenden imprägniert werden soll.
    Möglich als übliche Destillationsapparatur mit Vorlage oder als Circulation mit blindem Helm.

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch Percolation = absteigend.

  1. eine schmale Röhre wird senkrecht über einem Auffanggefäß befestigt, in der unteren Öffnung mit einem Drahtgitter o.ä. versehen und mit einem im Menstruum unlöslichen zerkleinerten Feststoff gefüllt; nach Einfüllen des Menstruums wird dieses beim langsamen Durchsickern 'imprägniert'. Öfters wiederholen und eventuell Reinigung des Menstruums durch Filtration oder Destillation.
    Ein Abflußhahn2 erlaubt Regulierung einer langsamen Durchlaufgeschwindigkeit.

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums durch 'Bestrahlung'

  1. das Menstruum wird in verschlossenem Glasgefäß oder offener Schale langzeitig der ausgewählten 'Strahlung'/'Licht'/'Influenz' ausgesetzt.
    Das Verfahren wird auch als 'Magnetisieren' bezeichnet.
  2. mit SonnenLicht / mit der Influenz der Sonne/ mit Sonnenstrahlen/ mit solarischem Sulfur/ mit dem goldenen Licht
    = ein Fangen und Inkorporieren des 'flüchtigen Sulfuris solis' in das Menstruum (das dabei als 'Magnet' verstanden wird), wodurch die 'äußere Sonne' die 'innere Sonne' erwecken/ aktivieren soll.
    - soll auch eine Verstärkung oder Energetisierung der Elemente Feuer und Luft in der Menstruum-Materie bewirken, wodurch die Eigenschaften der Elemente Erde und Wasser abnehmen.
    = Impraegnierung mit der warmtrockenen Influenz der Sonne
    = Insolation
  3. mit MondLicht/ mit der Influenz des Mondes/ mit Mondstrahlen / mit lunarischem Mercur/ mit dem silbernen Licht.
    = ein Fangen + Inkorporieren des 'flüchtigen Mercurii lunae' in das Menstruum, wodurch der 'äußere Mond' den 'inneren Mond' erwecken/ aktivieren soll.
      -soll auch eine Verstärkung oder Energetisierung der Elemente Wasser und Erde bewirken, wodurch die Eigenschaften der Elemente Feuer und Luft abnehmen
    = Impraegnierung mit der kaltfeuchten Influenz des Mondes
    - wenn der Mond am Nachthimmel sichtbar ist!
  4. mit astralischer Influenz/ mit himmlischer Influxion/ mit siderischer Impression/ dem Sternenlicht aussetzen
    = (allgemein) dem Nachthimmel mit den Fixsternen und Planeten aussetzen.
  5. einer Planeten - Influenz aussetzen
    = das Menstruum zu einer bestimmten 'berechenbaren' Zeit einem bestimmten Planeteneinfluß aussetzen
    siehe: Planetenstunden-Tabellen

Impraegnierung eines flüssigen Menstruums mit farbigem Licht

  1. Das Einfüllen in ein Farbglas-Gefäß und langzeitiges Stehenlassen an hellem Ort, wobei die ausgewählte Farbe des Glases mittels Lichtdurchgang auf die Flüssigkeit einwirken soll.
    siehe: Theorien der Korrespondenz von Planeten/Metallen und Farben.

 

Abschließend möchte ich noch auf zwei Punkte hinweisen:

  1. Menstrua, die zur Extraktion oder Lösung verwendet und anschließend zur Wiederverwendung abdestilliert werden, sind (auch) 'imprägnierte Menstrua'! Manchmal steht in alten Texten: 'frisches/neues' Menstruum zu verwenden, also frisch bereitetes oder noch nicht verwendetes Lösungsmittel, was sich auch auf den Effekt der Impraegnierung beziehen könnte.
  2. Bei allen alten Verfahren/Prozessen, die in Quellentexten beschrieben sind, ist immer auch an katalytische Prozesse mit Verunreinigungen zu denken, oder an chemische Reaktionen mit den zeittypischen Verunreinigungen der damals verwendeten Substanzen und Gefäße (!!), die damals als solche nicht erkannt oder berücksichtigt wurden. Auch lösliche (nur physikalisch gelöste) Verunreinigungen werden oft in imprägnierten Menstrua enthalten gewesen sein.

Wer alte Prozesse aus Quellentexten nicht nur gedanklich verstehen und nachvollziehen will, sondern auch versucht, im Labor nachzuarbeiten, wird seine diesbezüglichen Erfahrungen machen - vor allem, wenn man die damals üblichen relativ unreinen Materien dazu verwendet.

Wolfgang F. Graeter

 

1 lat. impraegnatio = Schwängerung

2 Es gibt im Laborhandel fertige Glasröhren dieser Art mit sehr unterschiedlichen Abmessungen und Fassungsvermögen, zum Beispiel als 'Chromatographierohre' oder 'Perkolationsrohre', zum Teil auch unten zusätzlich mit Glasfritten. (hb)


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