Die folgenden praktischen Darlegungen über den Essig als ein Menstruum für das Mineralreich stammen von Peter Hochmeier. Sie sind einem Kapitel seines bislang unveröffentlichten Manuskripts 'Der Weg des Sonnenfunkens' entnommen, allerdings unter Auslassung mindestens ebenso umfangreicher theoretischer Erörterungen, die jedoch notwendig im Zusammenhang des ganzes Buches stehen.

 

Herkunft des Essigs

Industrielle „Essigsäure“ wurde bis vor einiger Zeit durch Trockendestillation von Holzabfällen erzeugt (Holzessig). Heute stellt man sie als „Carbid-Essig“ durch katalytische Oxydation des Acetaldehyds her. Daraus wird klar, daß der ernsthafte Spagyriker sich wieder einmal selbst die Arbeit machen muß, das Ding seinem Namen zuzuführen. Die Suche beginnt schon beim Ausgangsstoff, da der „Obstessig“ der Supermärkte eben eine Mischung von obstfremder, industrieller Essigsäure mit wer-weiß-wie hergestellten Fruchtsäften und anderen Substanzen ist. Echten, biologischen Wein- oder Apfelessig kann man in den Naturkostläden für teures Geld kaufen. Weit billiger und in großen Mengen findet man ihn aber in ländlichen Obst- oder Weinbauregionen oder man bereitet ihn einfach selbst.

Eigener Ansatz von Essig

Die Säuerung des Mostes wird schnell erreicht durch Zusatz von Essigmutter (Essighaut, Kahmhaut). Diese bildet sich mit der Zeit von selbst und sammelt sich an der Oberfläche als gallertartig-schleimige Essigbakterienkultur. Sie kann geteilt (nicht mit dem Messer zerschnitten) und vermehrt werden, ähnlich dem Kefirpilz, benötigt aber immer wieder Alkohol zum Wachsen, ansonsten würde sie die von ihr produzierte Essigsäure selbst auffressen, und der Essig wird bitter und fade. Am besten, man mischt zum Anfangen fertigen Essig und Gärprodukt (Wein, Most) zu gleichen Teilen, von jeden ca. 1 Liter. Nach etwa einer Woche gießt man dann mehr des Gärprodukts hinzu und steigert diese Zugabe wöchentlich bis zur gewünschten Menge. Größere Ansätze bringt man schließlich in liegende Fässer, wobei immer auf genügend Luftzutritt zu achten ist (lose Deckel, Löcher). Je größer die Oberfläche, desto besser. Schon nach wenigen Tagen bildet sich Essigmutter. Durch die Oxydation des Alkohols wird Wärme frei (etwa 2-3°C). Nach einigen Wochen ist die Umwandlung des Alkohols beendet (bis auf circa 0,2% dessen).

Wichtig ist, daß das verwendete Obst schon in der Preßphase so kurz als möglich, am besten gar nicht, mit Eisen in Berührung kommt. Das gilt auch für die nachfolgenden Gärungs- und Säuerungsschritte. Nach vollendeter Säuerung läßt man den Essig einige Wochen bis Monate nachreifen. Schon in der Gärungsphase, oder später bei der Säuerung, kann die Schärfe durch Einhängen von gestoßenen Senfsamen (Brassica nigra oder Brassica juncea), Rettich, Ingwer, Pfeffer, Kren, Baldrianwurzel, Kalmuswurzel oder anderen Kräutern und Gewürzen beträchtlich erhöht werden.

Holzessig

Der aus dem Holz trocken destillierte „Holzessig“ (Holzsäure, Acetum pyrolignosum) ist ebenfalls ein beliebtes Lösungsmittel, oder ein Bestandteil dieser. Seit ältesten Zeiten wurde er von den Köhlern dargestellt, wenn sie ihre Meilerstätte zur Mitte hin vertieften und so die Flüssigkeiten des Rauchs auffangen konnten. In einem angeschlossenen Gefäß sammelt sich Holzteer und Holzessig. Der Holzteer sinkt zu Boden, der Essig ist obenauf. Je nach Pflanzenart wird der Teer für ein großes Heilmittel gehalten, bis heute berühmt ist jener der Birke. Der Essig hat ungefähr dieselbe Schärfe wie Obstessig und kann, mit solchem zusammen oder für sich alleine rectificiert werden. Bei der Trockendestillation im Kolben sollten Feuerquellen von der Vorlage ferngehalten werden, da bei der Verkohlung des Holzes Kohlenwasserstoffe entweichen, die sich an der Luft heftig entzünden können.

Aus 100 kg luftgetrocknetem Birkenholz erhält man ungefähr 51 kg Flüssigkeit, welche aus 6 kg Teer und 45 kg rohem Holzessig besteht. Der feste Bestandteil ist 26 kg Holzkohle, die man als Absorptionsmittel verwenden kann, zum Beispiel um Alkohol von sulphurischen Bestandteilen zu reinigen; und 23 kg entweichen als Gase. Die Menge der Ergebnisse ist also relativ hoch. Will man die Holzkohle daneben noch verglühen, dann bleibt eine sehr weiße Asche übrig, welche jene Mineralstoffe enthält, die der Baum der Erde entzogen hat und, als Sal des entsprechenden Baumes dargestellt, extra verwahrt wird. Dieses kann man Bäumen derselben Art auch als Dünger wieder zuführen oder für andere Zwecke verwenden.

Laubhölzer ergeben mehr Essig und Teer als Nadelhölzer, kranke Bäume merklich weniger, am besten ist das Stammholz. Am meisten Essig gibt Birken- und Buchenholz (5-9%), Eichenholz eher wenig, hat aber besondere Qualitäten als Lösungsmittel für alchymistische Arbeiten. Das Sal der Rinden junger Eichen ist gut zum Schärfen des Obstessigs geeignet, der Holzessig ihres Stammes dringt öffnend in das Erdelement ein. Dies ist der eigentliche „Wurzelessig“ der Eiche, von dem in manchen alten Traktaten geschrieben steht. Hier ist nicht gemeint, daß gemeiner Essig über Eichenwurzeln destilliert werden soll, wie mißverständlich oft angenommen wird.

Verschiedene Essigarten

Anstatt Wein, Äpfel oder Birnen werden auch verschiedene Getreidesorten vergoren, vor allem in den asiatischen Traditionen, aber auch in den abendländischen, wo man diese dann zusammen mit Sauerteig, gebrannten Erbsen und anderen Zusätzen zu Essig werden läßt. Im Ayurveda sind verschiedene Essigarten (Kanji) überliefert, zu deren Schärfung und Ausrichtung Dutzende Kräuter und Wurzeln benutzt werden. Man verwendet sie in der mineralischen Alchymie, auch in Arbeitsgängen, wo die abendländischen, jüngeren Traditionen nurmehr mineralische Säuren empfehlen.

Dabei ist es hier fraglich, ob heute in reinen, spagyrischen Prozessen industriell hergestellte Schwefel-, Salz- oder Salpetersäure verwendet werden soll. Gilt es doch, den Sonnenfunken im saturnischen Stoff zu bewahren und nicht mit allzu starken Lösungsmitteln dem Lebendigen im Mineral zu schaden. Die Meinung, daß „handfeste Alchymie“ den Einsatz starker mineralischer Säuren erfordert, scheint bloß ein Rest unserer grobstofflich orientierten Denkweise zu sein, gewisse Prozesse durch die Anwendung eines industriellen Produktes „erleichtern“ zu wollen. War es doch immer ein maßgebendes Kriterium des „Scheidekünstlers“, daß er seine Menstrua aus natürlichen Ausgangsstoffen selbst bereiten konnte. Die alchymistische Literatur ist voller Hinweise, die solche Ansichten widerlegen. Im gesamten Mineral- und Metallreich kann mit Obstessig, Holzessig, Urin, Zitronensaft und ähnlichem, oder deren Kombinationen gearbeitet werden.

Um ayurvedischen Essig (Kanji) herzustellen, werden zum Beispiel verschiedene Getreidesorten gestoßen und in irdenen Gefäßen mit Wasser übergossen. Dazu gibt man Myrobalanenfrüchte (Bibhitaki, Haritaki, Amalaki), Bleiwurz, Shatavari (Asparagus racemosus), Sahadevi (Vernonia cinerea), Minaksi (Bacopa monnieri), Punarnava (Boerhaavia diffusa) und andere, meist die ganzen Pflanzen mit Wurzel und Stiel. Man läßt sie gären und sauerwerden.

Andere Quellen empfehlen auch wäßrige Ansätze mit Honig, Eisenkraut, Senfsaat, Kalmus-, Kren- und Rettichwurzel, die man zusammen sauerwerden läßt und danach wie beschrieben destilliert. Honigweine und geharzte Weine (grassi) sind für diese Arbeiten ebenfalls interessant, gerade in Verbindung mit Harzen können sich sehr gute „Essige“ ergeben (acetum therebintinatum).

Seit ältesten Zeiten wird ein scharfer Essig aus sauren Holzapfelsorten gewonnen. Die Früchte sollten für diesen Zweck noch nicht ganz ausgereift sein und mitsamt der Maische vergoren werden. Dabei kann der Alkoholgehalt erhöht werden, indem man die jeweiligen süßen Trockenfrüchte zusetzt. Je geistreicher das Gärprodukt, desto stärker der Essig. Der Einfluß der Apfelschalen ist hier von Bedeutung, wenn diese durch ihre rote Farbe Marskraft anzeigen. Die Frucht selbst ist bekanntlich von der Venus geprägt, also enthält der reine Preßsaft der Früchte weniger Qualitäten, um das Erdelement zu öffnen. Pflanzen, welche zur Schärfung und Spezifizierung zugesetzt werden können, sollten ebenfalls nach der Signatur erkannt werden.

In der abendländischen Tradition finden wir heute dazu noch kaum Recepturen. Es scheint, als hätten unsere „Alten“ ihre kunstvollen Lösungsmittel gerne geheimgehalten. Dort und da dürften aber interessante Ideen in Allegorien und alten Volksmärchen verborgen sein, sofern man sie hermetisch deuten kann - und zwar an jenen Stellen, wo eine Verwandlung bewirkt wird. Das Märchen vom „Borstenkind“ beginnt etwa damit, daß die Königin unter einer Linde sitzt und Äpfel schält. Ihr dreijähriger Sohn bittet sie um eine Frucht, bekommt aber nur Schalen zu essen. Und als er diese ißt, verwandelt er sich sofort in einen Eber, der nun nachts in einer Hütte am Waldrand in seiner Menschengestalt wohnt, tagsüber jedoch mit den anderen Schweinen im Feld ist. Zum Jüngling herangereift, macht er sich auf, zu einem alten, gramen König, um von ihm seine einzige Tochter zu fordern.

Hat hier die ios-Kraft der mars-roten Apfelschalen, vielleicht eben als Essig, den saturnischen Ausgangsstoff geöffnet und nun eine Zeit der Mazeration, in der Hütte am Waldrand, eingeleitet? Welche Rolle spielt dabei die Linde, die in der keltischen Überlieferung eine Analogie zur Perle aufweist? Man pflanzte Linden seit Urzeiten zum Schutz von jungen Eichenreihen- die Linde als „lindernder“, heilsamer Baum des Volkes, als „Amme“ der jungen, königlichen Eiche. Sollte etwa Lindenrinde im Apfelschalenessig den Sonnenfunken in der zu lösenden Substanz beschützen, damit dieser nicht bei der Verwandlung geschädigt wird? Oder haben wir hier von Anfang an die Allegorie für eine Bereitung des Menstruums vor uns, welches später auf den alten, gramen Saturn einwirken soll, um ihm seine Tochter, die Essenz, zu entreißen?

Die Bereitung des Essigs

Wenn in der Spagyrik vom Essig als Lösungsmittel im Mineralreich die Rede ist, dann meint man damit meist den destillierten, manchmal auch einen „geschärften“ Essig. Er ist, wie die anderen Säuren, dem Feuerelement zugeordnet, trocknend im hohen und kühlend im niedrigen Grad, und steht in der Position des Mutterelements zur Erde.

Um den Essig zu destillieren, stellt man ihn zuerst in einem breiten Topf auf den Herd und heizt so gelinde, daß nur der wäßrige Anteil abraucht. Verglichen mit der Destillation der Weingeistes (Äthanol) aus dem Wein, läuft hier der Prozeß gerade umgekehrt ab. Am Anfang dampft das Phlegma fort, zum Schluß erst folgt das Scharfe, die Säure (Äthansäure).

Wenn nun ungefähr die Hälfte der ursprünglichen Menge abgedampft ist, filtert man den Rest in einen Kolben, legt dazu ein paar Siedesteinchen, Glas oder Tonscherben, um die Gefahr des Anbrennens und Überschäumens zu vermindern, und destilliert, bei etwas stärkerer Temperatur, die Essigsäure über. Kurz bevor es brenzlich zu riechen beginnt, soll man die Destillation beenden. Besser, man unterbricht schon einige Zeit vorher, wenn der Rückstand im Kolben dicker wird, und läßt abkühlen. Dann kann man durch Filtern einen Teil der dunkelbraunen Materie abscheiden und schließlich leichter weiterdestillieren. Zum Schluß sollte dieses Filtern nochmals wiederholt werden, damit man auch den ganz starken Essig noch überdestillieren kann, ohne daß etwas anbrennt.

Das Schärfen des Essigs

Es gibt verschiedene Wege, den destillierten Essig auf seinen Einsatz im Mineralreich hin zu schärfen. Eine einfache Art ist die, ihn noch ein, zwei Mal oder auch öfter über Steinsalz zu ziehen. Entgegengesetzt zum Weingeist verliert der Essig jedoch seine Kraft, wenn er gar zu oft rectificiert wird.

Die Anwesenheit sehr subtiler Salze ist oft verantwortlich für die besondere Lösekraft zum Beispiel von starkem Weinessig. Aus seinem Destillationsrückstand kann reichlich „subtiles Sal“ gewonnen werden, wenn man diesen mit einer guten Menge destilliertem Regenwasser übergießt, einige Tage digeriert, danach bis auf etwa die Hälfte eindampft und kaltstellt. Man sammelt die angeschossenen Kristalle und wiederholt den Vorgang so lange, bis nichts mehr kommt. Durch vorsichtiges Reinigen, Filtern und Umkristallisieren macht man das Sal vollkommen klar. Die darübergegossene und nach einigen Tagen Digestion bis zur Trockenheit abdestillierte Essigsäure nimmt einige flüchtige Teile des Salzes mit sich. Danach kann man die Temperatur stark erhöhen, so daß auch noch die „Wurzelfeuchtigkeit“ übergeht.

In gemeinem Mostessig aus Äpfel und Birnen sucht man dieses Sal vergebens. Wein scheint von subtilerer Art zu sein als die gängigen Apfelsorten. Wenn man aber das Sal der Holzapfel-Maische zu Pulver zerreibt, mit Essig übergießt und zu kleinen Kuchen formt, diese trocknet, zerstößt, wieder mit frischem, starken Essig tränkt und das Ganze mindestens zehn bis zwölf Mal wiederholt, also imbibiert, und dann diese „Kuchen“ in Most löst, dann erhält man bald starken Essig, dessen Destillationsrückstand genauso behandelt werden kann wie der des Weinessigs.

Oft scheint das Einbeziehen der Maische, des Preßrückstandes, beziehungsweise dann das Sal desselben, wesentlich für die Essigarbeit. Hier gilt wieder einmal der Spruch: „Das Beste werfen sie fort“. Von Basilius Valentinus bis Alexander von Bernus finden wir in der Literatur beachtenswerte Hinweise auf die Schlüsselposition des „Sal der Reben“ bezüglich der Menstrua.

Die abendländische, alchymistische Literatur der letzten Jahrhunderte empfiehlt zur Schärfung des Essigs die Destillation über verschiedene Salze, darunter vor allem Steinsalz, Salpeter und Weinsteinsalz. Von der Verwendung spezieller Pflanzensalze ist nur selten die Rede, auch das Sal der Maische wird kaum direkt erwähnt (Basilius Valentinus). Eine der wenigen überlieferten Spezialitäten ist das „Ziehen über Waidasche“ (calcinierte Hefe von Wein oder Weinessig).

Das entprechende Salz oder eine Mischung verschiedener Salze wird mit destilliertem Essig übergossen und einige Stunden bis Wochen digeriert. Je länger, desto besser. Die Bestimmung des Säuregehaltes zeigt, daß der Essig dadurch nicht schärfer wird, oft sogar schwächer, da es sich ja häufig um Laugensalze handelt. Beim Übergießen von Salpeter tritt eine starke Abkühlung der Lösung ein, die ursprüngliche Schärfe bleibt gleich. Beim Übergießen von gereinigtem Weinsteinsalz (sal tartari) kommt es zum Aufschäumen der Lösung, während der zugleich eine weitere Reinigung des Weinsteinsalzes geschieht. Die Lösung wird neutral, weder sauer noch basisch. Feces fallen zu Boden, die man vor der Destillation durch Filtern abscheidet. Beim Übergießen von Steinsalz tritt, je nach Qualität des Salzes, ein Schäumen auf oder es gibt keine Reaktion.

Von jedem Salz wird höchstens soviel verwendet, wie sich im Essig, ohne zu erwärmen, löst. Nach der Digestion destilliert man ein oder zweimal möglichst bis zur Trockenheit. Manche empfehlen öftere Kohobationen, wodurch die

Wirkkraft jedoch kaum mehr erhöht, eher geschwächt wird. Der Säuregehalt des Endproduktes ist meist unverändert, man merkt aber einen gewissen „Biß“, den der Essig jetzt erhalten hat. Bei der Destillation über Salpeter wird er insgesamt deutlich schärfer. Bis auf wenige Ausnahmen vollzieht sich die „Schärfung“ - nicht nur, aber hauptsächlich - auf informativer Ebene.

Peter Hochmeier


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