Die Flüchtigmachung des Weinsteins nach Langelott

Joel Langelott, Leibarzt des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf, galt in der Umbruchzeit nach dem Dreißigjährigen Krieg als medizinische und naturkundliche Kapazität. 1672 veröffentlichte er eine >Epistola ad Praecellentissomos Naturae Curiosos de quibusdam in Chymia praetermissis< (>Sendschreiben ...<).

Der folgende Ausschnitt ist aus dem lateinischen Urtext neu übersetzt worden, die kursiv gesetzten Passagen bezeichnen Zusätze bzw. Varianten einer späteren englischen Übersetzung. Siegfried Seifert hat die dort geschilderte Flüchtigmachung des Weinsteins nachgearbeitet und kommentiert ...


„... dieweil danach bei allen Liebhabern der Chymie und sorgfältigeren Ärzten so große Nachfrage herrscht.“

Textgrundlage

Diese Flüchtigmachung kann am allerleichtesten auf bald gesagtem Wege erreicht werden, wie folgendes Verfahren zeigen wird: Zuerst kalziniere man zwei oder drei Pfund rohen Weinsteins (je nachdem, wieviel Weinstein man fermentieren lassen möchte), aber nur ein wenig, und nur bis zu einer Schwärze, damit du das höchst nötige Ferment bekommst, um weiteren Weinstein fermentieren zu lassen.

 

Dieses schütte in einen geräumigen Topf aus wohlglasiertem Steingut und gieße soviel Wasser dazu, daß es einen Fingerbreit darübergehe, und gib ihm erstlich gelindes Feuer, daß es nur lauwarm werde.

Darauf streue eine halbe Handvoll fein gepulverten Weinsteins hinein und lasse es ganz ruhig stehen, so wirst du bald Bläschen aufsteigen und immer mehr zunehmen sehen. Wenn du das siehst und die Luftblasen nicht weiter zunehmen, so fahre fort, wie du angefangen hast, und streue in kleinen Teilmengen Weinsteinpulver hinzu, so wird eine stärkere Fermentation erweckt werden.

Dabei steigen die Blasen in solcher gefälliger Ordnung auf, daß es wie natürliche Trauben aussieht, nur ohne deren Farbe, wie ich nicht nur einmal mit großer Gemütsergötzung betrachtet habe und daraus einen starken Beweis entlehnt habe, daß auch für den rohen Weinstein gilt, was wir andern durch die Kunst zubereiteten Salzen zugestehen müssen: Sie haben das Vermögen, die Gestalt ihrer ehemaligen Wohnung genau wiederzugeben (das heißt der Traube).

Hierzu ist aber eine genaue und gleichmäßige Regulierung des Feuers vonnöten, nämlich auf mäßiger Stufe, wie eine jede Fermentierung erfordert (vergleiche zu diesem Thema Boerhaave und Stahl, die alles Nützliche und Interessante dazu gesagt haben).

Man muß auch aufpassen, daß nicht durch zu reichliches Einstreuen eine zu große Aufwallung erweckt werde und das, was da fermentiert wird, wie gewöhnlich aus dem Topf überlaufe. Deshalb nimm ein geräumiges Gefäß.

Nachdem du täglich zu unterschiedlichen Malen rohen Weinstein zugegeben hast, wirst du schließlich befinden, daß die Fermentation nachläßt. Sobald du das bemerkst, ist es Zeit, unmittelbar mit der Destillation zu beginnen.

Tue alles aus dem Topf in einen eisernen Kolben - bei einem gläsernen besteht nämlich die Gefahr, daß er zerspringe -, denn ab und zu sollte man kalte nasse Lappen überlegen, um ein übermäßiges Auffwallen des fermentierten Weinsteins zu verhindern, welcher normalerweise die geringste Hitze nicht leidet und alsobald nach oben schießt und bis in die Vorlage herübergeht, und deine Arbeit ist am Ende oder umsonst.

Und auch aus diesem Grunde muß man das Feuer aus das vorsichtigste regieren, im Aschenbad, und nie mehr Hitze geben als gerade nötig ist, damit das flüchtige Salz aufsteige. Nichtsdestoweniger muß das Feuer stufenweise gelinde vermehrt werden, am Ende jedoch stark genug, daß alles Salz nach oben getrieben werde.

Setze einen gläsernen Helm auf und lutiere ihn sorgfältig an den Kolben und schließe eine geräumige Vorlage an und lutiere sie genau an den Helm.

Wenn du brav und ordentlich [vorsichtig] verfahren haben wirst, wirst du auch befinden, daß jener fette und hefige Weinstein durch die besagte Fermentation so fein und flüchtig wird, daß nicht das kleinste bißchen fixen Salzes im Totenkopf zurückbleibt, welches ich nicht nur einmal erfahren habe.

Die Flüssigkeit, die überkommt, muß stark rektifiziert werden, da sie noch voller Wasser steckt, das zur Fermentierung hinzugefügt worden war. Und zwar muß sie soweit rektifiziert werden, bis sie von weißlicher Farbe erscheint (doch daß es noch ein flüssiger Geist bleibe). Dies zeigt an, daß sie die geforderte Menge flüchtigen Salzes enthält.

Wie hoch dies zu schätzen sei, dazu könnte auch schon van Helmonts Zeugnis ausreichen, doch den Chymikern [wahren philosophisch Gesonnenen] zu Gefallen möchte ich noch hinzufügen, daß ich nicht nur bei inneren, sondern auch äußeren Leibeskrankheiten, und sogar beim schwarzen Brand und Krebsgeschwüren, seinen wunderbaren Nutzen erfahren habe, ja mit seiner Hilfe habe ich auch Essenzen bereitet, die ich mit anderen Menstrua vergeblich zu erlangen gesucht habe. Und so habe ich erkannt, daß die treuliche Erinnerung van Helmonts mit der Wahrheit aufs höchste übereinstimmt.

Ich habe außerdem mit diesem höchst rühmlichen Menstruum das wahre Elixir Proprietatis Paracelsi aus Aloe, Myrrhe und Safran bereitet; welches an Tugend und Sicherheit das gewöhnliche Elixir Proprietatis aus den Apotheken soweit übertraf als das Sonnenlicht das Licht des Monds übertrifft. (Das Verfahren nach der Apothekenvorschrift taugt gar nichts.)


Laborbericht

Roher ungewaschener Weinstein wurde ca. 2 Stunden bei beginnender Rotglut nur bis zur Schwärze kalziniert. Auf 100 g von diesem schwarzen kalzinierten Weinstein wurden 250 ml destilliertes Wasser gegossen und anschließend auf ca. 40°C erwärmt.

Bei Zugabe von einem Löffel rohen pulverisierten Weinsteins bildeten sich auf der Oberfläche die typischen Blasen. Die löffelweise Zugabe von rohem Weinstein erfolgte immer dann, wenn die Blasenbildung aufgehört hatte, und wurde solange durchgeführt, bis sich keine weiteren Blasen bildeten. Die gesamte Menge des verwendeten rohen Weinsteins betrug 190 g.

Die so erhaltene Mischung wurde sehr vorsichtig1 im Ölbad aus einem 1 L-Glaskolben destilliert. Anfangs destillierte eine leicht weißliche Flüssigkeit mit einem pH-Wert von 10 über. Bei langsam steigender Temperatur (bis 170°C Ölbadtemperatur) destillierten insgesamt 165 ml über2.

Diese 165 ml Destillat wurden erneut im Ölbad destilliert. Zuerst destillierte eine leicht weißliche Flüssigkeit mit pH-Wert 10 über, 38 ml (Fraktion I), dann folgten 15 ml einer klaren Flüssigkeit mit pH-Wert 8,5 (Fraktion II). Alle weiteren Fraktionen sind klar und pH-neutral. Der Hauptteil der flüchtigen alkalischen Weinsteinsalze3 ist demnach in der Fraktion I enthalten4.

Siegfried Seifert

1 Es besteht sonst die Gefahr des Überschäumens und von Siedeverzügen. Notfalls muß der Kolben schnell aus dem Ölbad herausgenommen werden.
2 In dieser Nacharbeit ließen sich im schwarzem Rückstand nach einer weiteren Kalzination immerhin noch 33% wasserlösliche Salze nachweisen, die nicht flüchtig geworden waren.
3 Eine chemische Analyse könnte Aufschluß über die Zusammensetzung dieser Salze geben.
4 Was bei der Arbeit alles beachtet werden muß, schildert Langelott im Nachwort: „Nicht jeder Weinstein ist ja von gleicher Güte und ich konnte darunter schon große Unterschiede bemerken. Sodann muß auch die Fermentation des Weinsteins richtig angestellt werden, denn wenn es daran fehlt, wird er nicht bis ins kleinste aufgelöst, auch die Trauben zeigen sich nicht in der Gestalt wie sie sollen, noch wird alles Salz flüchtig, was ja das Wichtigste bei diesem Werk ist. Und wenn etwa bei der Destillation das Feuer zu stark wird, verbrennt viel von dem flüchtigen Salz und gibt einen stinkenden Geist wie den gewöhnlichen.“


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