Peter Hochmeier stellt hier den Hermes-Lesern freundlicherweise einen Auszug über den Uringeist aus seinem neuen Buch 'Alchymistische Impressionen' zur Verfügung.

Gedanken zum Urin

Wie die meisten abendländischen Alchymisten schlägt auch Toeltius, dessen Arbeitsweise wir im Folgenden näher betrachten wollen, vor, den „Urin eines jungen Menschen, welcher Wein trinkt“ zur weiteren Präparation zu verwenden. Warum hier fast durchwegs „Knabenharn“ genannt wird, ist nicht wirklich klar, es könnte dieser Brauch aber ganz einfach (und ein wenig dogmatisch) aus einer Tradition der antiken, griechischen Iatrochymiker übernommen worden sein. Ist das fertige Urin-Präparat alleine zur eigenen, arzneilichen Anwendung bestimmt, dann wird in vielen Fällen dazu der eigene Urin wohl der beste sein.

 

Dient das Präparat aber fremden Menschen oder anderen Zwecken (etwa im Bereich der einfachen Menstrua), dann sollte man bedenken, daß die „Geister“, welche während des Aufschließens freigesetzt werden, äußerst subtil, durchdringend, von hoher Natur und stark persönlich imprägniert sind und sich deshalb besonders stark mit anderen Geistern verbinden oder diese anziehen (nicht ganz unähnlich wie bei den Arbeiten mit Blut).

Bleiben diese Informationen in einem Mittel enthalten, welches aus der Hand gegeben wird (was kaum jemals vollständig auszuschließen ist), dann können daraus unerwünschte energetische, feinstoffliche und vielleicht sogar karmische Verbindungen entstehen. Dies betrifft sowohl den Eigenharn als auch den von sogenannten „unschuldigen Knaben“, denn die „Unschuld“ endet spätestens beim karmischen Hintergrund eines jeden Menschen.

Die Jahrtausende alte, lebendige Tradition der ayurvedischen Alchymisten Indiens mißt solchen Verbindungen mehr Bedeutung zu und rät, sie weitestgehend zu vermeiden. Manche philosophischen (und besonders spirituellen) Schulen lassen ihre Adepten nicht einmal aus gemeinsamen Schüsseln essen oder aus demselben Glas trinken, wissend, daß es ein Ziel des Menschen während seiner Erdenzeit ist, Verstrickungen zu entwirren und nicht neue zu schaffen. Dabei schöpfen sie noch heute aus einem zeitlosen Wissenschatz, worin solcherlei „Feinheiten“ eine besondere Bedeutung beigemessen wird, die den abendländischen Alchymisten der beginnenden „Neuzeit“, jener dunklen Epoche des geistigen und kulturellen Verfalls, kaum mehr vertraut gewesen sein dürfte.

Arten des Urins

Üblicherweise wird in der ayurvedischen Alchymie Kuhurin verwendet. Die Kuh gilt einerseits als eine letzte Incarnationsstufe, bevor ein menschlicher Körper erlangt werden kann, hat aber andererseits noch deutlich diese „zerstreuende Animalität“ in sich, welche sie als „neutrale Gruppenseele“ auszeichnet und von der typisch menschlichen, individuellen Persönlichkeit unterscheidet. Das gibt nicht nur der Milch, sondern auch ihrem Harn eine optimale feinstoffliche Struktur. Dieser erweist sich in der spagyrischen Praxis keineswegs als schwächer, sondern mindestens ebenso wertvoll wie der des Menschen und hat zudem in der Destillation einen erträglicheren Geruch.

Was die Schärfe anbelangt, sind aber auch andere Urinarten, etwa der von Pferden (man versuche es einmal bei einem Hengst), Schafen und besonders von Ziegen (oder bei einem Widder) interessant. In der ayurvedischen Heilkunst findet daneben noch der Urin von Büffeln, Elefanten, Kamelen und Affen Beachtung. Jeglicher Urin gilt als „die Feuer-Wasser-Achse (Pitta) verschärfend“. Das entspricht (wie könnte es anders sein) genau der Ansicht abendländischer Alchymisten, wonach der Urin kraft eines feurigen, flüchtigen Salzes wirkt. Seine Eigenschaften sind: scharf, nicht-fettig, heiß, salinisch und zusammenziehend. Seine Natur ist leicht.

Kuhurin wird als besonders leicht, scharf, heiß und alkalisch beschrieben. Diese Qualitäten weisen darauf hin, daß er die „Wind-Hülle“ (Vayu) nicht schädigt, also auf die mit dem Merkur-Prinzip korrespondierende Luft-Äther-Achse harmonisierend und bewahrend wirkt. Mit anderen Worten: er arbeitet gut mit anderen merkurialen Menstrua zusammen. Ähnlich verhält sich Kuhurin zur Erde-Wasser- Achse (Kapha) schonend und zerstört deshalb (als Menstruum gebraucht) nicht das erdhaft-venerische Gefüge der Substanzen durch jene Grobheit, die manch anderen „corrosivischen Wässern“ zu eigen ist. Er verschärft nur das Feuer (Pitta, siehe oben), das heißt, er ist gut geeignet die ios-Kraft in den Körpern zu aktivieren (-> Der Weg des Sonnenfunkens, 147 und 502), ihr vollständiges „Aufbrechen „ zu fördern, ohne dabei dem Wesentlichen zu schaden. Er öffnet mit scharfem Feuer und durchdringender Leichtigkeit.

  • Der Urin von Schafen fördert die Leichtigkeit der Luft-Äther-Achse (des Windes). Er ist besonders alkalisch, zusammenziehend, bitter und heiß. Die saturnische Umklammerung manch eines Erd-Stoffes scheint er bisweilen mit größerer Kraft als der Kuhurin öffnen zu wollen.
  • Büffelurin intensiviert die Wirkung des Feuerelements auf die Luft-Äther-Achse und betont dabei die ätherische Komponente,weswegen in ihm seit jeher auch eine enge Beziehung zum Blut und zur Leber erkannt wurde.
  • Elefantenurin ist besonders bitter, scharf, salinisch und alkalisch. Er fördert die merkuriale Leichtigkeit, greift aber das Feuer an (was man an seiner auffallend bitteren Geschmackssignatur erkennt).
  • Pferdeurin ist besonders zusammenziehend, scharf und heiß. Er „beruhigt den Wind, nimmt der Erde die Feistigkeit und schafft Klarheit“.
  • Der Urin von Kamelen fördert die Leichtigkeit des Windes und ist sehr kräftig.
  • Der Urin von Affen fördert die Leichtigkeit des Windes, ist sehr feurig und öffnet das im Saturnzustand erstarrte Erdelement mit einer gewissen Penetranz.
  • Den Urin des Menschen zählt das Ayurveda zu den „Verjüngungsmitteln“ von großer Kraft. Er fördert das innere, merkuriale Feuer, ist besonders scharf, alkalisch und salinisch.

Bei Kühen, Ziegen, Schafen und Büffeln ist der weibliche, bei Affen, Kamelen, Elefanten und Menschen der männliche Urin nützlicher1.

Für den Alchymisten ist der Urin heute wie in alten Zeiten ein interessantes und nützliches „Ding der Natur“, wenngleich er wohl zu keiner Zeit in manchen Regionen schwerer zu erlangen war als heute. Abgesehen vom Eigenurin, steht vielen mitteleuropäischen Spagyrikern, die gezwungen sind in lebensfremden „Lebensräumen“ zu laborieren, kein gesunder Tierurin zur Verfügung, und es würde nicht erstaunen, bekäme man bald den Harn biologisch gehaltener Kühe für teures Geld in den Bio-Läden flaschenweise zu kaufen.Wir kennen die Situation bereits vom Essig, vom Weingeist, vom Salz und sogar vom Wasser. Dabei ist es aber beruhigend, daß sich gleichzeitig auch ein gewisser Rohstoff-Tourismus in weniger zerstörte Regionen entwickelt und auf diese Weise doch noch ein jeder seine Ausgangssubstanzen erhalten kann.

Wegen seiner durchdringenden, feurig-salinischen Art wurde und wird der Urin hoch geschätzt, sei es daß er zur Bereitung von Menstrua dient, für sich alleine (als Spiritus Urinae), oder in Verbindung mit Weingeist, Essig, Spiritus Salis und anderem, oder daß man ihn zur Darstellung des Salmiaks zusammen mit Salz und Ruß (wieder so ein Rohstoff!) einkocht, oder daß man sein Salz mit anderen Salzen, Kalken und dergleichen zu starken Geistern destilliert.

Im Folgenden wollen wir die Arbeiten zur Darstellung des Spiritus Urinae in einigen Varianten betrachten:

Frischer Kuhurin wird in Flaschen gefüllt und einige Wochen bis Monate zur Putrefaction gestellt.Ob die Flaschen während dieser Zeit offen, oder leicht oder fest verschlossen sein sollen, mag jeder selbst entscheiden. In der Fachliteratur findet man dazu allerlei Varianten. Alleine des Geruches wegen dürfte aber die verschlossene Putrefaction zu bevorzugen sein. Toeltius empfiehlt (Coelum Reseratum Chymicum, Erfurt 1737, Kapitel 37), den Urin drei Monate lang in offenen Gefäßen zu putreficieren, vorzüglich im März, April und Mai, wobei auch die Sonne in die dazu zugerichteten Eichenfässer scheinen soll.Was abdampft, wird nachgegossen.

Der Urin eines Menschen kann leicht in den Frühlingsmonaten gesammelt werden, da er sich, wann immer es ihm beliebt, auf das Sammeln des eigenen Urins vorbereiten kann. Am besten er beachtet dazu einige Wochen lang eine einfache Lebensart mit guter Ernährung und reichlich Bewegung (was für die meisten ohnehin selbstverständlich ist). Tee und Säfte sollten das von den Alten empfohlene „reichliche Weintrinken“ ersetzen. (Sowohl der Zustand des Menschen, als auch der des Weines ist heute ein anderer als damals). Scharfe, salzige oder erwärmende Gewürze können die gewünschte Qualität des Endproduktes fördern. All das läßt sich schon im Februar leicht mit einer darauffolgenden Frühjahrsentschlackung verbinden und entspricht den natürlichen Rhythmen in mancherlei Hinsicht. So ist es etwa hilfreich, im späten Winter die verminderten Körperfeuer durch entsprechende Geschmackswirkungen zu unterstützen (Meerrettich, Thymian, Ingwer).

Bei Kühen verhält es sich anders. Ihr Urin ist am hochwertigsten, wenn sie im Herbst von den Weiden getrieben werden (sofern sie zuvor kein mit Chemikalien verunstaltetes „Kraftfutter“ erhalten haben), und er ist auch gut, wenn sie im Sommer die frischen Gräser und Kräuter fressen.

Toeltius läßt ihn in offenen Fässern an der Sonne stehen und nur bei Regen abdecken. Es ist zwar im Frühling noch nicht so heiß, dennoch aber könnte auf diese Weise ein Teil des wertvollen subtilen Geistes verloren gehen. Durch Nachgießen von frischem Urin wird dieser nicht ersetzt,weswegen wir in diesem Falle überlegen, anderen Alchymisten zu folgen und die Putrefaction in verschlossenen Gefäßen durchführen. Die kann man dann selbstverständlich an die Sonne oder unter den Sternenhimmel stellen - es putreficiert sich aber allemal am besten in einem Misthaufen. Die Spiritus Astri wirken auch dort hinein. Sie werden durch die Glas- oder Keramikwände der verschlossenen Putrefactionsgefäße wohl kaum behindert, durchdringen sie doch auch Mauern und die Körpergewebe. Ansonsten putreficiert man im Sandbad (bei niedriger Temperatur) oder stellt die Flaschen einfach einige Monate in einen guten Keller.

Es kann sein, daß sich die an der Oberfläche gebildeten Schimmel und Ausscheidungen nach einigen Wochen (oder Monaten) zu Boden setzen. Dies ist ein deutliches Zeichen, daß jetzt die Putrefaction beendet werden kann.Oft aber sinken zwar die meisten Feces zu Boden, es bilden sich zugleich aber wieder neue obenauf. Jedenfalls gilt auch hier wieder die Regel: Zeit geben. Steht der Urin Jahre, dann ist es besser als Monate, und die sind besser als Wochen.

Schließlich gießt man alles durch ein Sieb und sammelt die Feces ein. Aus ihnen wird später das Salz gezogen oder der Wurzelgeist destilliert. Aus einem (nicht mehr als bis zur Hälfte befüllten) Kolben destilliert man (am schönsten über eine Brücke, weil in der Enge die Kristalle lieber anschießen als im weiten Helm) bei sehr gelinder Temperatur den subtilen Geist in die (zum Beispiel mit Ton) anlutierte Vorlage (bei einfachen geschlossenen Systemen ein kleines Loch zum Druckausgleich stechen!). Einige Siedesteinchen oder Glasscherben vermindern das Schäumen.

Der Spiritus

Ein Aspekt des Geistes ist der intensive „grasige“ Kuhstallgeruch, der uns zeigt, daß sich jener durchdringende Spiritus schwerlich vollends einfangen läßt, sondern bald den ganzen Raum erfüllt. Ein anderer Aspekt des Geistes ist ein Sal volatile, welches sich in den ersten Stunden der Destillation in Brücke und Vorlage in Form durchscheinend weißer Kristalle anlegt. Dieses „flüchtige, feurige, alkalische Salz“ steigt stundenlang auf, als wolle es die Brücke verstopfen, ohne daß dabei die Menge der Flüssigkeit im Kolben merklich geringer wird.

Hält man die Temperatur niedrig, dann gelangt kein Schaum in die Brücke. Passiert es dennoch, dann muß die Destillation nicht unterbrochen werden, da ohnehin ein, zwei oder mehrere Rectificationen folgen. Steigen ölige Teile mit über, so können diese leicht durch einen Filter abgeschieden werden. Die Destillation kann, je nach Ausgangsmenge, mehrere Tage dauern, bis man den subtilsten Teil des Uringeistes erlangt hat. Danach kann man die in der Brücke angelegten Kristalle mit dem bei etwas höherer Temperatur nachfolgenden Fluid (einem dritten Aspekt des Geistes) ausschwemmen, so daß alles in die Vorlage tropft. Was dabei an Phlegmatischem mit übergeht, wird bei den folgenden Rectificationen wieder geschieden. Dabei bilden sich aber oft keine Kristalle mehr, und die Unterscheidung der Geist-Aspekte ist nur mittels der Wärmegrade möglich. Der Geruch des auf das Sal volatile folgenden Fluids ist nämlich weiterhin sehr intensiv und der Geschmack ebenso alkalisch. Das eigentliche Phlegma kann durch Kosten mit der Zunge oder mithilfe eines Indikator-Streifens erkannt werden.

Agricola empfiehlt vor der Rectification eine achttägige Digestion des ersten Destillats (Chymische Medicin, Tractatus de Auro), was sicherlich sehr nützlich ist, da das Quintessentielle darin (der salinische Merkur) von sich aus eine Scheidung des Feineren vom Gröberen bewirkt und die Separation des Phlegmas danach besser vonstatten geht.

Danach rectificiert man den gesamten Spiritus ein-, zwei- oder dreimal bei gelinder Wärme (so als ob man einen Weingeist rectificieren würde), bis daß kein Farbeinschlag mehr erkennbar ist. Das kann mitunter jedoch täuschen, denn das Destillat erscheint vorerst klar, nimmt dann aber nach einigen Tagen Digestion wieder einen hellgelben Farbton an. Auch in dieser Hinsicht ist also eine Digestion zwischen jeder Rectification nützlich. Da (wie die Färbung zeigt) offensichtlich noch einige Materia unctuosa im Destillat ist, wird während der Digestion, die einer kürzeren Putrefaction entspricht, mehr Sal volatile generiert. Auf diese Weise erkennt man auch, wann eine echte spiritualische Reinheit des Spiritus erreicht ist.

Manche destillieren von Anfang an alles über, was spiritualisch riecht und schmeckt und bezeichnen dann sowohl das Sal volatile (ob es in der Brücke sichtbar wird oder nicht) als auch das (rectificierte) Fluid als Spiritus Urinae. Das hat sicherlich seine Richtigkeit, kommt es doch darauf an, was man mit dem Präparat bezweckt. Um ein einfaches Menstruum zu erhalten, destilliert man alles, was bei gelinder Temperatur übergeht und Geruch und Geschmack hat. Folgt man andererseits dem Prozeß Toeltius™ (siehe unten), dann darf man nur das Sal volatile für den eigentlichen Spiritus halten. Ähnlich bezeichnet Kunckel sein Präparat als Spiritus Urinae cum suo Sale und will darunter „das was als Sal volatile übergeht“ verstanden haben.

Im Kolben ist jetzt der anfangs klare, goldfarbene Urin trüb und dunkelbraun geworden. Je nach Urin- und Putrefactionsart folgt dem fluidalen Geist früher oder später das ziemlich jauchig riechende Phlegma. Es wird in einer anderen Vorlage aufgefangen, zusammen mit dem Phlegma aus den Rectificationen für sich rectificiert und für die Darstellung des Salzes aufbewahrt.

Sal fixum: Coagulation und Composition

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten weiterzuarbeiten. Am einfachsten ist es, man trocknet den Rückstand, vermischt ihn mit den obigen Feces aus der Putrefaction, verascht und calciniert in einem Tiegel und zieht mit destilliertem Regenwasser oder besser mit dem Phlegma daraus das fixe Salz, welches man durch Umkristallisieren reinigt.

Dieses Sal fixum wird dann mit dem rectificierten Spiritus coaguliert und miteinander einige Male kohobiert, soweit bis man annehmen kann, daß ein guter Teil des Salzes flüchtig geworden ist und bei der Destillation mit dem Spiritus übergeht. Zwischen den Kohobationsschritten (besonders nach den ersten beiden) kann das fixe Salz herausgenommen, durchgeglüht und vielleicht sogar auch wieder umkristallisiert werden. Auf diese Weise erlangt man ein Endprodukt, welches als Spiritus Urinae bezeichnet wird, und die Arbeit ist damit zu Ende.

Solcher Spiritus wird für sich alleine oder mit anderen Menstrua vermischt zum Solvieren und Extrahieren der Minerale gebraucht. Einige geben destillierten Essig (gleichviel oder die doppelte Menge) dazu und destillieren (nach einiger Zeit der Digestion oder Circulation) alles zusammen über. Auch die Verbindung von Spiritus Urinae, destilliertem Essig und hochrectificiertem Alkohol (zu gleichen oder anderen Teilen) ist sinnvoll. Ebendieses Menstruum zieht aus dem zermürbten (wiederholt geglühten und in Wasser abgelöschten) Berkristall eine dunkelgelbe Tinctur. Während andere Extraktionen oder Solutionen (etwa mit destilliertem und geschärftem Essig) oft schneller vonstatten gehen, dauert diese (mit einem durch die Composition „neutral“ gewordenen Menstruum) weit länger, führt aber zu einem schöneren Ergebnis.

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit nach der Separation des ersten, salinischen und/oder fluidalen Spiritus weiterzuarbeiten:

Der Wurzelessig des Urins

Das Phlegma wird soweit abdestilliert, bis der rückständige, dicke, braunschwarze Liquor brenzlich zu riechen beginnt. Dann läßt man abkühlen, gibt zu diesem Liquor die Feces aus der Putrefaction und destilliert bei steigenden Hitzegraden alles in eine verlutierte Vorlage was übergeht, bis daß der Rückstand verkohlt ist. Diesen nimmt man heraus, calciniert ihn in einem offenen Tiegel und zieht daraus das fixe Salz. Mit dem Rauch steigen (neben einem Wurzelessig und einem rot-braunen Öl) wiederum flüchtige Salze auf, welche, wenn würde man den Rückstand einfach offen calcinieren, verloren gingen.

Auf diese Weise erhalten wir drei Arten von Sal aus einem Ding: das erste (Sal volatile) als subtiler Spiritus, das zweite als ein der Materie des Rückstands innewohnender wurzelig-salinischer Spiritus (ebenfalls ein Sal volatile) und schließlich das fixe Salz aus der verbleibenden Asche. Aus letzterem destilliert Agricola nochmals (bei hoher Temperatur) einen Wurzelgeist, um damit dann aus dem ersten Spiritus den Mercurius Urinae zu präcipitieren (siehe weiter unten).

Die Unermüdlichen können von da aus (wenn sie jenen innersten Wurzelessig dargestellt haben) noch weitergehen: Während der innerste Wurzelgeist (bei der Destillation mit hartem Feuer aus einer beschlagenen Retorte) aus dem Sal fixum entweicht, schmilzt dieses, wird „glasig“ und grünlich. Daraus kann mit einem hochrectificierten Alkohol die Farbe ausgezogen, der Alkohol wieder abdestilliert und aus dem farbigem Rückstand nochmals ein Geist erlangt werden. Dadurch wird das fixe sulfurische Prinzip sehr weit ausgearbeitet und der feurige Charakter des Spiritus Urinae verfeinert.

Doch zurück zur trockenen Destillation der Farb- und Putrefactionsrückstände des Urins: Das rot-braune Öl wird abgeschieden. Es kann (mit Wasser vermischt) rectificiert und für den äußeren Gebrauch aufbewahrt werden. Den fluidalen und salinischen Wurzelgeist rectificiert man entweder für sich alleine oder (wegen seiner geringen Menge) zusammen mit dem Spiritus aus der ersten Destillation. Da man auf diese Weise sowohl aus dem Urin selbst, wie auch aus dessen Rückständen jeweils einen salinischen und einen fluidalen Geist erlangt, sprechen hier manche von einem „doppeltem Merkur“ oder „gedoppelten Spiritus „.

Auf welchem Wege auch immer man den Urin zubereiten will - zuletzt werden die gereinigten Geister und Salze vereinigt und das Fixe durch mehrere Kohobationen möglichst volatil gemacht. So kann ein Spiritus Urinae auf mehrerlei Wegen erlangt werden, einer feiner als der andere.

Die Arbeit nach Toeltius

Wir haben also anfangs einen Urin putreficiert, danach gesiebt, in einen hohen Kolben gebracht und beginnen jetzt die erste Destillation.Toeltius sagt, daß nun keine Tropfen, sondern das Sal Astrale übergeht. Daß jenes Salz sehr subtil und volatile ist, darin besteht kein Zweifel. Es aber deshalb gleich als „astralisch“ zu bezeichnen gibt es keinen Grund, es sei denn eine Vorliebe für diesen wohlklingenden Terminus.

Wäre es astral im eigentlichen Sinn des Wortes, dann könnten es unsere physischen Augen nicht sehen. Selbst beim Ätherischen läßt uns unsere sinnlich-grobstoffliche Wahrnehmung schon meist im Stich, obwohl jenes fünfte Element noch im Wesentlichen der Physis angehört. Der Unterschied zwischen der Welt der fünf Elemente und der astralen Ebene wird aber mit einem Sandkorn zur Wüste oder einem Tropfen zum Meer verglichen, was ihre Intensität, ihre Weite und ihre Schwingungsebene anbelangt. Würde ein Mensch, welcher nicht gewohnt ist, den astralen Kosmos zu durchqueren, ohne links oder rechts einer Faszination zu unterliegen (und dazu müßte er schon ein großer Mystiker oder ein hoher Adept sein), durch irgendein Geschick ein wahrhaft astrales Salz „sehen“, dann wäre jener Eindruck imstande, sein weiteres Leben vollends zu irritieren und ihn über dieses hinaus zu binden. Wir aber wollen mit unserem Handwerk „am Boden bleiben“ und jenen „Geist“ (in dem sicherlich sehr viel vom ätherischen Element steckt) mit Agricolas Worten als den „ersten und subtilen Spiritus“ bezeichnen. Und wenn wir den Begriff „Spiritus“ hier in seinem tieferen Sinne verstehen dürfen, dann haben wir ohnehin etwas sehr Hohes vor uns im Helm oder in der Brücke: ein Sal volatile, das man (im Gegensatz zu anderen flüchtigen Salzen) klar und deutlich sehen kann, oder eine Art Quintessenz, welche salinisch, merkurial und feurig ist.

Toeltius stellt nicht einfach das Sal aus dem Destillationsrückstand dar, sondern er kocht das gesamte rückständige Phlegma solange ein, „bis sich die dicken Spiritus erheben“. Wir haben darüber bereits oben gesprochen. Der Liquor wird dann in einen kleineren Kolben gegeben, daraus (per gradus) „ein Öl und ein anderes Sal volatile“ destilliert und beides zusammen zweimal rectificiert. Diesen zweiten scharf-laugigen Spiritus nennt er Acidum (im Sinne von „Wurzelessig „). Je nach Ausgangsmenge wird dann die Rectification des Acidum in einem eher kleinen Destilliergefäß durchgeführt.

Die rückständige Asche wird dann noch weiter calciniert und das Sal daraus gezogen. Damit hat Toeltius die drei Prinzipien aus dem Urin dargestellt: den Geist (Merkur/Spiritus, als Sal volatile), die Seele (Sulfur/Essig, Acidum) und das (fixe) Salz, den Körper. Diese drei coaguliert er, indem er zuerst das Salz mit dem Essig imbibiert und in einer Phiole „durch die Wärmegrade“ figiert, das heißt die Hitze solange vermehrt, bis nichts mehr kondensiert. Dann befeuchtet er wieder und fährt solange fort, bis der gesamte Essig verbraucht ist. Danach wird die Fixation mit dem Öl wiederholt, und dann mit dem ersten Spiritus (dem einen Aspekt des doppelten Merkur). Auf diese Weise coaguliert Toeltius die drei Prinzipien zur Quintessenz des Urins, welche er als einen „wahren Alcahest“ und als Terra Philalethae bezeichnet. Es wird dabei aber offenbar kein fixes Ding dargestellt, da zum Schluß alles gemeinsam überdestilliert werden soll.

Angesichts der Mengenverhältnisse scheint es auch schwer möglich, hier tatsächlich zu figieren, es sei denn, man stellte die dem Urin (charakteristisch) innewohnenden figierenden Kräfte auf die Probe und circuliert (figierender Weise?) viele Jahre lang in einer zugeschmolzenen Phiole. Oder aber man nimmt nur das erste Sal volatile als ersten Spiritus und kein bißchen vom nachfolgenden Fluid, was genaugenommen wortgemäß aus der Anleitung Toeltius™ abgeleitet werden müßte. Dieser bezeichnet aber schließlich auch das erlangte „Destillat“ als einen „großen Schatz und Schlüssel“.

Will man kürzer verfahren und das aufwendige Imbibieren und Figieren vermeiden, dann circuliert man die drei Prinzipien miteinander vier Wochen oder länger und kohobiert, bis man merkt, daß das Salz am Boden des Kolbens merklich weniger wird. Erscheint es schmutzig, dann glüht man es zwischendurch aus. Auch so erlangt man am Ende einen Spiritus Urinae mit dem Grad einer Quintessenz oder eines Alcahests.

Der Mercurius Urinae nach Agricola

Um ins Innere der Urin-Erde zu gelangen und daraus einen wurzeligen Geist hervorzuholen, fängt Agricola nicht einfach den Rauch der eingedickten, schwarzbraunen Suppe (siehe oben) auf und rectificiert danach den Wurzelessig. Er beschreibt einen feineren, aufwendigeren Weg zum Spiritus Urinae, und bringt dabei ein tatsächliches Acidum hervor.

Er stellt aus dem gesamten Rückstand das Salz dar, knetet es zusammen mit Ton zu Küglein (vermutlich in einem Verhältnis von 1 : 2 oder 1 : 3), läßt sie gelinde trocknen und destilliert daraus mit starkem Feuer einen scharfen (sauren), gelben und schweren Spiritus (Acidum). Davon rectificiert er das Phlegma. Dieses geht bei der Rectification in einem kleinen Gefäß bei geringer Temperatur zuerst über. Die Menge des Phlegmas hängt von der in den Kügelchen verbliebenen Feuchtigkeit ab. Diese Feuchtigkeit ist aber notwendig, um den erwünschten Spiritus zu fangen, zu transportieren, eben zu erlangen. Es werden dergleichen Kügelchen bei solchen Arbeiten meist nur an der Luft getrocknet und nicht an der heißen Sonne oder über dem Feuer.

Danach gießt er den ersten (basischen) Spiritus tropfenweise in den letzten, scharfen Spiritus (Acidum) und bewundert dabei das Aufbrausen, und daß in „einem Ding“ solche „Contrarietäten“ beisammen sind. Eine weiße Materie schlägt sich zu Boden. Er dekantiert die Flüssigkeit, trocknet das Weiße und sublimiert es bei starkem Feuer. Zum Sublimat gibt er drei Teile Spiritus Salis und destilliert es zu einem „herrlichen Menstruum“, womit „Gold und alle anderen Metalle und Minerale“ solviert werden können. Er nennt dieses Präparat Mercurius Urinae und bemerkt, daß es dasselbe sei wie ein Spiritus Urinae. Letzteren lehrt er aber an anderer Stelle auch (wie anfangs beschrieben) durch einfache Kohobation des fixen Salzes mit dem ersten Spiritus zu bereiten.

So wird der Wurzelessig der fixen Urin-Anteile von beiden Alchymisten auf unterschiedliche Weise bereitet: Zum einen durch Einfangen des Rauchs, bzw. Destillation während der Veraschung, zum andern durch (trockene) Destillation des gereinigten fixen Salzes. Letzteres führt tiefer ins Erdelement hinein und erschließt den Wurzelessig des gereinigten, kristallischen Erd-Salzes, während die Toeltius™sche Variante den Wurzelessig der ungereinigten, unctuosischen Materie des Urins gibt.

Selbst wenn man nicht, wie Agricola, einen Spiritus Salis beimischen will, sondern einfach alles zusammen noch einmal destilliert, erhält man einen hohen Spiritus Urinae.

Andere empfehlen das gereinigte, fixe Salz (welches doch überwiegend ein Sal Sulphuris ist) im offenen Tiegel zu schmelzen, bis es eine grüne Farbe bekommt, und danach erst entsprechend weiterzuarbeiten. Dabei geht zwar der Wurzelessig des Salzes in der Calcination verloren, es kann aber aus der eingedickten Farbe wieder ein Geist destilliert werden, wie wir an anderer Stelle schon besprochen haben.

Peter Hochmeier

 

 

1Diese Unterscheidung dürfte jüngeren Ursprungs sein und ist im klassischen Ayurveda, etwa bei Caraka, nicht zu finden. Andere Schulen wiederum halten allgemein den weiblichen Urin für besser, insbesondere den Urin von Kühen, die noch nicht gekalbt haben. Diese Meinung gilt auch heute noch bei gewissen abendländischen Heilkundigen, die diesen Urin zu speziellen Kuren anwenden. Insgesamt spielt selbstverständlich auch die Art der Tierhaltung eine Rolle. Schneidet man zum Beispiel dem Hornvieh seine Hörner ab, dann verliert nicht nur seine Milch, sondern selbstverständlich auch der Urin an „lebendigen“ Qualitäten. Füttert man die Kühe mit denaturierter Nahrung und Chemikalien und zwingt sie in Stahlgefängnissen zu „leben“, dann ist ihr Urin für den Alchymisten genauso wertlos, wie ihre Milch für den Menschen.


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