Nichtsdestoweniger kann dieses schmählich vernachässigte Gebiet dem Praktiker ungeahnte Perspektiven eröffnen, auch wenn es müßig sein dürfte, zu betonen, daß das Magnum Opus auf diese Weise nicht zustande gebracht wird.

So gedenkt Christoph Glaser in seinem Novum Laboratorium Medico Chemicum, Nürnberg 1677 (Ndr. Leipzig/Stuttgart 1988) auf Seite 381 eines Menstruums zur Ausziehung eines Aurum potable, das aus besonders destilliertem gefaulten Urin und Weingeist besteht. Zu gleichem Behufe beschreibt Johannes Agricola (Chymische Medicin, Leipzig 1638) ein ganz ähnliches Präparat, das sich lediglich in der Art und Weise der Destillation unterscheidet. Der berühmte Kunckel von Löwenstern (Laboratorium Chymicum, Hamburg u. Leipzig 1716, Ndr. Hildesheim 1975, S. 736 ff.) schließlich, rühmt die Darstellungsweise des Hollandus, die gegenüber den vorgenannten die elaborierteste zu sein scheint.

Er schreibt: "Dann wann da stehet: Giesse einen Urin darüber; so stehet keinem rechten Chymico zu/ daß er den Urin so crud, darinnen noch allerhand Unflath ist/ nehme/ sondern nach des Isaci Lehre/ so ist er recht; Da du dann von dem Phlegma ein gut Theil davon lassen kanst/ und ihn mit Sale fixo & volatili so starck machen/ als du wilt."

Die Herstellungsweise des Hollandus soll daher Gegenstand dieser Untersuchung sein. Sie findet sich in dem Traktat 'Die Hand der Philosophen' unter dem Titel 'Salem Urinae zu machen' auf Seite 86 seiner gesammelten Schriften (Wien 1773, Ndr. Iserlohn 1993) und wird im folgenden in modernem Deutsch zusammengefaßt wiedergegeben. In Klammern gesetzte Anmerkungen stammen vom gegenwärtigen Autor.

1. Urin wird in zugedeckten Gefäßen (möglichst aus Holz) mindestens sechs Wochen lang putrefiziert. (Längere Putrefaktionszeiten scheinen bessere Resultate zu erzielen. So schwindet die Schimmelbildung beispielsweise nach ca. einem halben Jahr fast vollständig. Ãœberdies ist es ratsam, während der Sammelzeit ausschließlich guten (Rot )Wein zu trinken, weniger als willkommene Entschuldigung für hemmungslosen Alkoholkonsum, sondern um ein einigermaßen genormtes Ausgangsprodukt zu erhalten, das zudem im Einklang mit den Bedingungen zahlreicher Adepten steht, die eben diese Forderung stellen.)

2. (Ziel ist es nun, die Flüssigkeit vom darin erhaltenen Salz abzuscheiden, beide Stoffe getrennt zu reinigen und dann wieder zu vereinigen = Stufen 2.12). Zu diesem Zweck wird der so gewonnene Urin gesiebt (Nicht gefiltert! Der entstandene Bodensatz muß in das Werk eingehen!), um Schimmelreste zu entfernen und so lange destilliert, bis keine "Geister" mehr übergehen. (Um ein Ãœberschäumen zu verhindern, vor dem schon Kunckel warnt, gibt man etwas Butter hinzu.)

3. Der schwarze Rückstand wird 2-3 Stunden lang kalziniert und in destilliertem Wasser gelöst. Man läßt die Unreinheiten niedersinken und dekantiert die Flüssigkeit vorsichtig ab.

4. Die in Stufe 3 erhaltene Flüssigkeit wird vorsichtig eingesotten, bis sich an der Oberfläche eine Haut bildet, und dann in einen kühlen Keller gestellt, um das Salz anschießen zu lassen. (Unerschrockene können auch den Kühlschrank nehmen.)

5. Dieses Salz wird entfernt und aufbewahrt und die Operation 4 so oft wiederholt, bis sich kein Salz mehr auskristallisiert.

6. Das gesammelte und getrocknete Salz wird kalziniert, so daß es gerade glüht und abermals in destilliertem Wasser gelöst.

7. Die so erhaltene Flüssigkeit wird wieder eingesotten, bis sich an der Oberfläche eine Haut bildet und dann in einen kühlen Keller gestellt, um das Salz zu erlangen. Es wird entfernt und der gesamte Vorgang so oft wiederholt, bis alles Salz gesammelt und getrocknet wurde.

9. Das in Stufe 2 gewonnene Destillat wird - falls nötig - mit einer Feder von allen obenauf schwimmenden Fettresten gereinigt und bei starkem Feuer destilliert, bis nichts mehr übergeht. Der Rückstand geht nicht in das Werk ein.

10. Die Stufe 9 wird so oft wiederholt, bis kein Rückstand mehr im Kolben bleibt. (Nach jeder Destillation des Phlegmas sollte der Kühler mit dem Destillat ausgespült werden, um das evtl. sich absetzende flüchtige Salz zu erhalten.)

11. Das gewonnene Destillat wird nun im Wasserbad wiederum destilliert, um es von möglichen Unreinheiten zu reinigen. Dieser Vorgang wird so oft wiederholt, bis kein Rückstand mehr im Kolben verbleibt.

12. Das in Stufe 8 gewonnene Salz wird nun mit dem erhaltenen Destillat vereinigt und 5 Tage in einem verschlossenen Gefäß in mäßiiger Wärme digeriert, bis sich alles Salz gelöst hat.

13. Zu einem Teil der erhaltenen Produkts wird nun jeweils ein halber Teil Essigsäure (ca. 60%) und Weingeist (ca. 90 Vol%) gegeben (und evtl. noch einmal destilliert und das Destillat mit dem Rückstand vereinigt). Tatsächlich ist in diesem Fall der 'Weingeist der Adepten' gemeint, bei dem es sich allerdings nicht - wie in Albertianerkreisen immer wieder kolportiert - um Acetonderivate handelt. Wer dieses königliche Menstruum besitzt, sollte es anstelle des normalen Alkohols verwenden und die dadurch eintretende Scheidung des Reinen vom Unreinen nutzen, um ein perfektes Resultat zu erhalten.

14. (Nun kommt ein schwieriger Punkt.) Hollandus schreibt, daß man jeweils auf "zwölf Maß" des in Stufe 12 erhaltenen Produkts ein Pfund (ca. 351g) kalzinierten weißen Weinstein (Kaliumhydrogencarbonat), ein halbes Pfund (ca. 175,5g) Ammoniumchlorid und ein Pfund "präpariertes" Kochsalz gibt. (Unglücklicherweise wird nicht angegeben, um welches Maß es sich handelt, das alte Maß schwankt nämlich zwischen 0,9 und 2 Litern, sodaß die Menge an zugesetzten Salzen durchaus empirisch ermittelt werden muß. Auf jeden Fall sollte man erst mit einer geringen Menge beginnen, die man dann bedarfsweise in den angegebenen Verhältnissen steigern kann. Auf eine Beschreibung der Präparierung des Kochsalzes kann hier verzichtet werden, da sich schon mit gewöhnlichem Natriumchlorid (ohne Trennmittel!) recht gute Resultate erzielen lassen.)

Was nun die Verwendung des erhaltenen Menstruums angeht, so soll Hollandus selbst zu Worte kommen:

"Ich schwöre dir bey GOtt, der mich erschaffen und gemacht hat, daß kein grösser Secret oder Heimlichkeit niemals in die Welt kommen, dann dieses also bereitete Wasser bringet alle Calces, und Corpora in ihr erstes Wesen, das ist [Mercurius] und mit diesem Wasser ziehet man die Qu. Ess. aus dem calcinierten [Antimonio], so viel besser ist als der Schatz allen Erdreichs: Auch extrahierst du damit die Qu. Ess. Solis und Lunae, und weiter aus allen mineralischen Dingen: Man thut mit diesem Wasser so viel wunderliche Dinge, daß es nicht zu glauben stehet; und thät ich gleich mein bestes, vermöcht ich doch nimmermehr das tausendste Theil seiner Heimlichkeit auszusprechen, wisse auch, daß man das Wasser mag nützen wie die Erde, dann es wird nichts geringer, als man es gleich 10 oder 20 Mal nützet, dann du magst es wieder läutern und rectificieren, so ists wieder eben so gut.

Nun will ich dich lehren ausziehen die Tincturen, die uns nöthig sind, zu diesem Werk, so wohl weiß als roth, dann das Ausziehen von weiß und roth ist alles eins und einerley Meisterschaft; Nimm derowegen Schwefel, Auripigment, Oger, Cerussa, Mennige oder dergleichen, woraus du die Tinctur extrahieren wilt, pulvere es unfühlbar, und zerreibs auf einem Stein wie Seife, mit gutem destillierten Essig, allemal hinzu thuend eine Unze (= ca. 31 g) rectifizierten Salzes, das thu in einen großen Recipienten, setz es in die Aschen oder Sand, gieß darauf des clarifizierten Urins, den du bereitet hast, 1. Theil, und 1. Theil Weinessig, so daß der Recipient halb voll werde, stopfs oben zu mit einem Kork, rüttle es wohl untereinander, damit die Feuchte mit dem Pulver gnugsam vermischt werde, setz das Glas wieder auf den Ofen, und so es warm ist, so nimm den Kork oder Stöpfel aus und gib ihm etwas Luft, sonst solte das Glas zerspringen, und schwenck den Receptacul zwischen den Händen zu 10 oder 12 malen des Tages, und laß es solcher Gestalt in der Wärme stehen, bis der Liquor schön gefärbet sey. Dann laß das Glaß kalt werden, und die Feces sich wohl setzen, nimm einen anderen großen Recipienten, der rein ist, gieß den gefärbten Liquorem von den Fecibus, und sieh wohl zu, daß du keine Feces mit übergießest, stopf den Recipienten zu, und setz ihn auf die Seite, dann nimm wieder frischen Urin mit ana [=gleicher Menge] destillirten Essigs, gieß es auf die Feces in den Empfaher, wie vorhin, die Hälfte voll, rüttels mit den Händen wie damals, und wenn der Liquor mit dem Grundsatz wohl vermischt ist, so setz das Glas wieder auf den Ofen in Aschen, oder Sand, gib Feuer auf vorige Weise, und so der Liquor sich wieder gefärbet hat, so laß das Glas abermal erkalten, abschüttend und procedirend wie vormahls, das treib so lang, bis der Liquor nicht mehr colorirt von den Fecibus, (d. h. der gesamte Vorgang wird so lange wiederholt, bis die Flüssigkeit sich nicht mehr färbt.) so hastu dann alle Tinctur oder Qu. Ess. daraus. Die Feces magst du wegwerffen, es ist aber noch darinn das Element der Erden, das kanst du daraus ziehen, und nützen wozu du wilt. Nimm nunmehr das Glas, in dem die gefärbte Feuchtigkeit ist, setz es in Sand oder Aschen, und destillier die Feuchte ab, biß eine Haut oben auf kommt, so dann nimm den Helm ab, gieß es in einen großen gläsernen Pott, der oben weit sey, lutier einen Helm oben drauf, setz solchen Pott auf denselben Ofen, und ziehe alle Feuchtigkeit herüber, so wird dir in fundo bleiben die Qu. Ess. oder Tinctur, des Dings, so du dazu genommen, es sey roth oder weiß: ists ein weisses Subjectum, so solt du eine weisse Tinctur finden, weisser als Schnee, ists aber roth, so solls glänzen wie[Sol], gleich wie die Sonne glänzend ist über [Venere]. Und auf diesem Weg magst du die Tinctur aus [Mercurio] Sublimato zum rothen oder weissen sublimieret extrahiren, desgleichen kanst du auf diese Weise aus Eisen oder Kupferfeilich, Spanisch Grün oder gebrantem [Venere], Zinnober, Cerussa oder Minium, oder aus calcinierten [Jove], auch aus Calce Solis oder Lunae, item aus dem [Antimonio], die Tinctur oder Qu. Ess. ziehen.

Wisse aber, wann du etwas wilt ausziehen so thu allemal zum Urin und destillirten Essig eine Unze Salz, welches mit solvieren und wieder congeliren von seiner Terrestrität rectifiziret sey, bevor du sie in den Rezipienten auf die geriebene Materie schüttest; wisse darneben, daß in Extraction diese Tinctur große Heimlichkeit stecket, mehr als man glauben möchte. Dann von diesen Tincturen magst du Cementen machen, in welcherley Cement du begehrst zu cementiren, und sonst wunderliche Dinge mit cementiren verrichten, item du kanst von diesen Tincturen Aquas fortes machen, die so roth sind wie Blut, und glänzen wie ein Rubin, mit welchen Starckwassern du wunderliche Sachen im solviren kanst werkstellig machen, welche jemanden zu eröfnen wir keine Erlaubnus haben."

Eine weitere Vorschrift, die zur Vertiefung des oben genannten dienen mag, findet sich an anderer Stelle:

"Im Fall du einig Zeug hast, und wilt die Tinctur daraus ziehen, so pulverisier es unbegreiflich, gieß darauf alten lauteren Urin, laß es sieden, bis der Urin sich färbet, so gieß ihn ab, und wieder andern darüber, bis alle Tinctur heraus ist, alsdann evaporier allen tingierten Urin, und was am Boden bleibt, darauf gieß Essig, und ziehe damit alle Tinctur aus, und was am Grunde bleibt, ist untauglich, denn es die Salzigkeit des Urins ist, den gefärbten Essig zeuch per Balneum ab, so bleibt dir eine allerschönste Röthe am Boden, so über leuchtet, und eine himmlische Farbe zu seyn scheinet"

Es wäre erfreulich, wenn dieser Artikel dazu anregen würde, die beschriebenen Prozesse nachzuarbeiten und auch sonst das Auge für wenig beschrittene Pfade schärfen könnte, um abseits der Hauptstraßen vielleicht neue aufregende Entdeckungen zu machen.


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