Die Stiche, etwa der "alchymistischen Festung", des "Lab-Oratoriums", der "mystischen Rose" oder des "Androgyns", faszinieren in ihrer graphisch gelungenen Synthese von Schrift und Bild jeden, der sich dem Studium der Alchymie widmet. Elmar Gruber spricht in seinem Vorwort zu einer Reprintausgabe eines anderen Khunrathschen Werkes sogar von ihrer "hypnotischen" Wirkung. Die Auslegung dieser Kupferstiche müßte den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Übrigens haben sie von kunstgeschichtlicher Seite eine gründliche Untersuchung erfahren mit folgendem Buch: Ralf Töllner, Der unendliche Kommentar, Untersuchungen zu vier ausgewählten Kupferstichen Heinrich Khunraths, Hamburg 1991.

Khunraths Jugendjahre (geboren 1560 in Leipzig) fallen in das letzte Drittel eines Jahrhunderts, das von den zunehmenden religiösen Spannungen beherrscht wird, die 1618 in den Krieg münden, der dreißig Jahre dauern sollte. Das erste Drittel hatte im Zeichen von Reformation, Bauernaufständen und der Zerstörung Roms gestanden. Starke und freie Persönlichkeiten hatten die Zeit bewegt: Paracelsus, Luther, Hutten, Erasmus und viele andere. Von ihren Einsichten und Impulsen zehren die Späteren. Merkwürdige Vermischungen von neuer Theologie, ersten naturwissenschaftlich-mathematischen Erkenntnissen und überkommener magisch-alchymistischer Weltsicht finden statt. Personifiziert sehen wir das universale Gelehrtentum etwa in einem John Dee in England, in einem Johannes Kepler auf dem Kontinent. Von Heinrich Khunrath sind Bemühungen um Physik und Mathematik nicht bekannt, doch hat er auf eine vor ihm nicht bekannte Weise die praktische Arbeit im Labor mit der Wirkung der Worte in Psalm und Gebet verbunden.

Die heute gesicherten Daten seines Lebens lassen sich leicht tabellarisch zusammenfassen:

1560: In Leipzig geboren (Monat und Tag sind nicht bekannt)

1570: Im Alter von zehn Jahren Beginn eines Studiums in Leipzig, als 26. der Landesgruppe der Meißen

1574: Erste Berührung mit der Alchymie

1588: Im Mai Einschreibung in die Matrikel der Universität Basel

1588: Am 3. September Doktorexamen in Basel: Doctor utriusque medicinae

1589: Treffen mit John Dee

1591: Am 15. Dezember Hofarzt bei Wilhelm Rosenberg (heute Tschechien)

1605: 9. September (?) gestorben in Dresden oder Leipzig (nicht dokumentiert)

Widersprüchlich sind Urteile und Ãußerungen über Heinrich Khunrath. Bis in unsere Zeit "schwankt sein Charakterbild". Drei Beispiele sollen dies verdeutlichen:

1. Aus dem 'Allgemeinen Gelehrten-Lexikon' des Christian Gottlieb Jöcher, Leipzig 1750: "Er hat in seinen Schriften eine den Chymicis gemeine Dunckelheit, und ward noch bey seinem Leben des Enthusiasmi beschuldiget. Seine Schriften stecken allerseits voller einfältiger Fratzen."

2. Eliphas Levi, Geschichte der Magie, 2. Band, Leipzig 1926: "Er ist ein Meister, und zwar ein solcher erster Größe, ein in jeder Hinsicht des Wissenschaftlichen und Mystischen Titels würdiger Fürst der Rosenkreuzer. Sein Pantakel leuchtet wie das Licht des Sohar, ist weise wie die Tritheims, exakt wie die des Pythagoras, Offenbarer des großen Werkes wie das Buch des Abraham und des Nikolas Flamel." (Seite 70f.)

3. Will-Erich Peuckert, Pansophie, 3. Auflage, Berlin 1976: "Von ihm, [gemeint ist Gutman] zu Khunrath scheint weit zu sein. Aber es ist doch nur ein Schritt. Freilich ein Schritt zu einem Phantasten. Der Alchymist Henricus Khunrath ist ähnlich wie Benedict Figulus in allen geistigen Lagern daheim." (Seite 367) "Ob Khunrath begriff, um was es geht, oder ob diesem Zusammenraffer und wirren Kopf mit seinen Worten nur irgendwelche Vokabeln entfallen, das bleibe einmal dahingestellt." (Seite 368)

Daß die Aufklärer, die um 1750 bereits ganz den Geist der Hochschulen bestimmten, von einem Mann wie Khunrath nicht viel halten, mag einleuchten. Aber sogar die Leipziger lutherischen Pastoren hatten den Spottnamen "Enthusiast" (enthusiathes, zu griech. entheos "voll von Gott") gegen Khunrath gebraucht. Auch daß der französische magische Schriftsteller Levi (eigentlich A. L. Constant), selbst phantastischer Kabbalist und Tarotexperte, von den Pantakeln Khunraths hell begeistert war, überrascht denjenigen kaum, der die Geschichte des französischen Okkultismus um 1870 kennt. Unverständlich bleibt aber die abwertende Ansicht eines Wissenschaftlers wie W.-E. Peuckert. Er ist voreingenommen von wortmächtigen Mystikern wie Weigel und Dorn; die schlichte und redliche Art eines Khunrath erschloß sich ihm wohl nicht.

Wie sollen wir uns nun ein Bild von Khunrath machen? Seinem Werk von 1597, Vom hylealischen, das ist primaterialischen katholischen oder allgemeinen natürlichen Chaos der naturgemässen Alchymiae und Alchymisten hat Khunrath eine Apologie, eine Art Confessio vorangestellt. Er nimmt darin Stellung zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Aus dieser Apologie sprechen Temperament und Denkweise ihres Autors recht lebhaft. Ich gebe die 17 Punkte von Khunraths Selbstverständnis (auf das Wesentliche zusammengedrängt) wieder.

  1. Der "Lapis" sei. Das habe er "mit diamantenen Grundfesten" in der dritten Figur des 'Amphitheatrums' dargetan.
  2. Nach dieser Gewißheit erst könne er sagen, was der Lapis sei. Er beruft sich auf die "Zeugnisse philosophisch guter Schriften erfahrener Leute cabalistischer Tradition." Aber der Lapis sei auch wahr aus dem Licht der Natur, doch sei es schwer, dies zu sagen "in der jetzigen verkehrten Welt!"
  3. Mit Briefen, so sagt er, könne er beweisen, daß angesehene Kunstverständige gut über ihn und sein Werk "judiciret" hätten. (Leider liegen Briefe von oder an Khunrath nicht vor.)
  4. Sein eiserner Grundsatz lautet: Nur der in der Gottesweisheit Gelehrte und von dem Licht der Natur Erleuchtete, der sich außerdem selbst erkennt, kann "gott-weißlich, naturgemäß und christlich" über seine Arbeiten urteilen. Und mit lauter Stimme: "Sonst niemand!'
  5. Woher stammt sein Wissen? Erstens aus der Heiligen Schrift, zweitens aus dem Licht der Wahrheit im Weltbuch der Natur, drittens aus sich selbst.
  6. Knapp, selbstbewußt und entschieden bewertet er seine Arbeiten. "Ob sie schon sehr angefochten, werden sie wol bleiben." "Gott wird zu jeder Zeit gute verständige Leute erwecken (!), die sie mit Ehren verteidigen und verstehen."
  7. Er betont, daß er aus Erfahrung und Experiment rede. Die Verleumder sollen ihm Rede und Antwort stehen! "Trotz sei dir geboten, du Calumniant (Verleumder)!"
  8. 23 Jahre gehe er nun seiner Alchymia nach, 13. Juni 1597 steht als Datum unter der Apologie, also seit dem 14. Lebensjahr! Viele, viele Bücher habe er gelesen, "manchen seltsamen Bratvogel vor mir gehabt", viele Kohlen verbrannt, die Hände gerührt, um Öfen zu bauen und wieder einzureißen, habe Gläser zerbrochen, sei anderen nachgereist, um ihre Kunst zu erfahren. Aber dabei sei ihm der Unterschied zwischen den "natürlichen" Alchymisten (zu denen er sich zählt) und den "Argchymisten", den Hudlern und Sudlern, den Schwindlern und falschen Goldmachern aufgegangen.
  9. Die Zeitgenossen haben sich an dem "Wörtlein Chaos" im Titel seines Buches gestoßen.
  10. Er zeigt den Platz des Chaos in der Kosmologie der Alten Griechen, er zitiert eine Stelle aus Ovids Metamorphosen.
  11. Anderen wiederum hat nicht gefallen, daß er sich gern "Theosophus" nennt und seine Wissenschaft Theosophia. Doch darüber geht er schnell hinweg, denn "Wortzänckerey bauet nicht."
  12. Am meisten muß es ihn geschmerzt haben, daß die Lästerer ihm sektiererische Schwärmerei nachsagten. Er teilt mit, daß manche ihn einen Enthusiasten nannten, weil er in seinen Schriften von Visionen und Offenbarungen handle. "Afflatio numinis" (göttlicher Anhauch) sei ihm geschehen, ähnlich wie Salomon, der in Schlaf und Traum einer Nacht mit der Weisheit aller unteren und oberen Dinge erfüllt wurde. Auch die Propheten des AT seien "plötzlich" und unversehens unterwiesen worden und gelangt zu "Sophia Enthusiastica", "Sapientia", ja, diese seien ihnen von Gott "eingegeistet" worden. Schließlich lerne der Mensch nicht allein aus papiernen Büchern oder von Menschen: "Gott der Herr hat noch seine Theodidactos hin und wieder in der Welt!"
  13. In vielen Künsten und Wissenschaften gebe es vortreffliche ingenia aus "Eingebung innerlicher Vocation. "Pfuy dir, der du den Enthusiasmum unchristlich verspottest und nur alleine nach dem Mißbrauch mißbräuchlich darvon redest."
  14. Er verweist auf Paulus, 1. Korinther 12,4. Diese Textstelle betont, daß in allen Gaben der Gnade ein Geist wirksam sei.
  15. Er baut vor, denn er meint, selbst die "goldmacherischen Bubenstück", die er am Ende seiner Confessio zu Abschreckung beschreibt, könnten ihm von den "Schlangen-Zungen" falsch angerechnet werden.
  16. Er habe auf wiederholte Bitten "guter Teutschen" aus seiner lateinischen Edition verdolmetscht. Er weiß, daß man nicht jedermann gefallen kann. Er zitiert Solon: "In magnis rebus omnibus placere, difficile est."
  17. Im letzten Abschnitt fordert er den Leser auf, um den Beistand des "Ruach Hhochmah-El, des Geistes der göttlichen Weisheit" zu bitten. "Daß du gerathest in Erkenntnus der Wahrheit des Liechts der Biblischen Scriptur, Natur, und deiner selbst." Nur auf diesem Wege lasse sich die "Magnesia philosophorum" erkennen und im Laboratorium fruchtbar anwenden.

Schon dieses kurze Résumé seiner Apologie zeigt einen Mann von klarer, entschiedener Geistesart. Er ist sich seiner Fähigkeiten in der Alchymie, seiner Belesenheit in alten und zeitgenössischen Autoren, ja, sagen wir ruhig seiner Meisterschaft, sicher. Den Zeitgenossen, befangen im Zank um theologische Lehrsätze, war noch nicht erkennbar, daß es in allen Weltreligionen eine Ebene der Erfahrung und Verwirklichung gibt, die mit dem Begriff "Mystik" sicher ganz unvollständig bezeichnet ist.

Berthold Daut


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